Gerhild Komander

Frauenthemen

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Waldoff Steiner 19014 150bAber bitte nicht in Hosen!

Weshalb vom Herrenanzug der Claire Waldoff nur die Krawatte übrig blieb

21. Oktober 1884 Gelsenkirchen - 22. Januar 1957 Bad Reichenhall

 

Ein Auftritt im Hosenanzug? Nein, das war vor einhundert Jahren keine angemessene Kleidung für eine Frau, auch nicht auf der Bühne, auch nicht in Berlin. Die kesse Göre auf den Brettern des Kabarett-Theaters Roland von Berlin erhält einen strengen Verweis. Und Lieder von Paul Scheerbart (1863-1915) singen darf sie auch nicht. Drei Jahre zuvor eröffnete Rudolf Nelson, der die Kleinkunst auf der Bühne zur eigenen Kunstform erhob, das Kabarett in der Potsdamer Straße 127/128. Da war die provozierende Dame noch gar nicht in Berlin.

 

Eine Künstlerin mit Hochschulreife

Claire Waldoff, die mit bürgerlichem Namen Clara Wortmann heißt, kommt erst im Jahre 1906 in Berlin an. Direkt aus Kattowitz, wo sie nach einem ersten Engagement in Bad Pyrmont als Schauspielerin auf der Bühne steht. Da ihr die Eltern ein Medizinstudium nicht finanzieren können, wird sie Schauspielerin. Der Wille sich durchzusetzen fehlt ihr nicht. Schließlich hat sie ihre Hochschulreife auf dem 1896 von Helene Lange begründeten Mädchengymnasium in Hannover erworben. Keine leichte Übung für eine junge Frau ihrer Generation. In Gelsenkirchen, ihrer Heimatstadt – hier wird sie am 21. Oktober 1884 geboren -, war das um die Jahrhundertwende noch nicht möglich.

 

Die rheinische Frohnatur wird Berlinerin

In Berlin war 1906 vieles möglich, aber eben nicht alles. Claire Waldoff – den Namen gibt sie sich selbst – hat in der Reichshauptstadt die Auswahl unter vierhundert Bühnen, wenn man all die Lokale mit einer Aufführungskonzession einschließt. Vierhundert Bühnen ... Die rheinische Frohnatur erhält kleine Rollen am Figaro-Theater, das Olga Wohlbrück am Kurfürstendamm leitet, und wechselt zum Kabarett. 1907 ist ein gutes Jahr für sie. Sie erhält das Engagement am Roland von Berlin, begegnet ihrer Lebensgefährtin Olga von Roeder (1886-1963) und rettet die Premiere, weil sie auf den Hosenanzug im „Etonboy-Stil" verzichtet.

 

An der Rettung des ersten Auftritts hat auch Walter Kollo seinen Anteil. Er liefert die Musik zu einem Text von Hermann Frey, der Claire Waldoff auf der Stelle zum Erfolg führt. Das Lied „Schmackeduzchen" begeistert sogar den strengen Kritiker Alfred Kerr, für Waldoff und Kollo beginnt eine lebenslange Freundschaft. In der Reichshauptstadt ist die kleine Sängerin sofort „der Stern von Berlin". Als Rudolf Nelson 1907 nach dem Vorbild am Pariser Montmartre das Kabarett Chat Noir in der Friedrichstraße 165 Ecke Unter den Linden (heute befindet sich dort das Grand Hotel) gründet, tritt Claire Waldoff auch dort auf. Ebenso im Linden-Cabaret, Unter den Linden 22.

 

„Wer schmeißt denn da mit Lehm?"

Claire Waldoff reduziert die Gestik, konzentriert sich auf die Mimik, trägt kurze Haare, eine weiße Hemdbluse mit Krawatte und grölt, wenn es passt, wie eine Berliner Göre. Den Berliner Jargon eignet sie sich in langen Nächten in den Kneipen der Stadt an. Mit Erfolg. Ihr Gesang, ihre Art der Darstellung wird auch außerhalb Berlins höchst populär. Aus dem weiblichen Blickwinkel beschreibt und karikiert sie mit Sympathie und Wärme das Leben der einfachen Leute. Dafür liebt das Publikum sie. Ob sie „Hermann heeßt er" anstimmt oder fragt: „Wer schmeißt denn da mit Lehm?": Ihre Auftritte auf den Berliner Bühnen, 1916 – während des Ersten Weltkriegs - im Apollo-Theater in Königsberg und vor Soldaten begeistern.

 

Eine andere „Art" Frau

Hosen sind nicht nötig, um den Publikum zu zeigen, dass hier eine andere „Art" Frau auf der Bühne steht. Kraft und Selbstbewusstsein, Stimme und Ausdruckskraft der Claire Waldoff sind so groß und stark, dass Zuschauerinnen und Zuschauer ihre geringe Körpergröße und den Mangel an glatter Schönheit kaum wahrnehmen. Sie tritt 1924 in Ausstattungsrevuen auf, gastiert in der Erik-Charel-Revue „An alle".

1926 steht ihre Freundin Marlene Dietrich (1901-1992) als Ersatz für Claire Waldoffs Auftritt in „Von Mund zu Mund" auf dem Plan. Die Dietrich provoziert vier Jahre später in den USA mit dem Film „Marokko" einen Skandal – weil sie Hosen trägt. Regie: Josef von Sternberg.

 

Die Auftritte in den großen Theaterhäusern – nicht zuletzt in der Scala - machen Claire Waldoff einem bürgerlichen Publikum bekannt, die zahlreichen Radio-Sendungen der gesamten deutschen Bevölkerung. Die Kabarettistin verdient gutes Geld und zeigt sozialpolitisches Engagement. 1933 verbietet man ihr, Schallplatten aufzunehmen. Ihr Eintritt in die Reichskulturkammer kann den Anfang vom Ende nicht verhindern. Auftritte mit kurzen Haaren, in Hemdbluse und Krawatte passen nicht in das nationalsozialistische Frauenbild. Ihre langjährige Liebesbeziehung zu Olga von Roeder wird ignoriert.

 

„Rechts Lametta, links Lametta und der Bauch wird immer fetta und in Preußen ist er Meester - Hermann heeßt er!" brüllt das Publikum. Joseph Goebbels verbietet Claire Waldoff, in der Berliner Scala aufzutreten. Sie beschränkt sich auf den Wintergarten und das Kadeko und zieht sich 1940 mit Olga von Roeder nach Bairisch Gmein zurück. Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches tritt Claire Waldoff wieder auf. Aber die große Zeit des Kabaretts ist vorbei. 1953 schreibt sie ihre Autobiographie „Weeste noch ...?" Sie stirbt am 22. Januar 1957 in Bad Reichenhall. Ihr Grab befindet sich auf dem Pragfriedhof in Stuttgart.

 

Gerhild H. M. Komander

Der Artikel erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt", Nr. 1, September 2007.

 

Leseempfehlung:

Helga Bemmann: Wer schmeißt denn da mit Lehm? Eine Claire-Waldoff-Biographie, Frankfurt a. Main: Ullstein 1994

Claire Waldoff: "weeste noch?" Erinnerungen und Dokumente, hg. von Volker Kühn, Berlin: Parthas-Verlag 1997

Maegie Koreen: Immer feste druff. Das freche Leben der Kabarettkönigin Claire Waldoff, Düsseldorf: Droste Verlag 1997

Ebenfalls interessant ist die Biographie Rudolf Nelsons, die Egon Jameson schrieb: Am Flügel: Rudolf Nelson (= Berlinische Reminiszenzen Bd. 15), Berlin: Haude und Spenersche Verlagsbuchhandlung 1967

 

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Schiller Philosophie

Frauen in Berlin

1. Januar 1950 Die Schauspielerin Gertrud Eysoldt stirbt in Ohlstadt b. Murnau.
1. Januar 2010 Freya Gräfin von Moltke, Widerstandskämpferin, Schriftstellerin, Juristin, stirbt in Norwich, Vermont, USA.
2. Januar 1850 Elisabeth Gnauck-Kühne, Erzieherin, Schriftstellerin, Sozialpolitikerin, kommt in Vechede zur Welt.
6. Januar 1870 Die Gewerkschafterin Paula Thiede kommt in Berlin zur Welt.
7. Januar 1890 Augusta Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach Königin von Preußen und Deutsche Kaiserin stirbt in Berlin.
7. Januar 1890 Henny Porten, Schauspielerin, wird in Magdeburg geboren.
8. Januar 1840 Elise von Delbrück, Kunstfreundin und -förderin, kommt in Berlin zur Welt.
11. Januar 1860 Zarin Alexandra Feodorowna, geborene Prinzessin Charlotte von Preußen, stirbt in St. Petersburg.
13. Januar 1780 Luise Amalie Herzogin von Braunschweig-Bevern Prinzessin von Preußen, Königinmutter, stirbt in Berlin.
15. Januar 1900 Ella Auerbach, erste Berliner Rechtsanwältin mit Zulassung am Kammergericht, kommt in Frankfurt/Main zur Welt.
17. Januar 1860 Marie von Bunsen, Schriftstellerin und Malerin, wird in London geboren. (16.1.)
18. Januar 1870 Die Theaterleiterin Julie Gräbert, genannt Mutter Gräbert, stirbt in Berlin.
23. Januar 1980 Die Bühnen- und Film-Schauspielerin Lil Dagover stirbt in München.
28. Januar 1910 Tatjana Sais, Schauspielerin und Kabarettistin, wird in Frankfurt a. M. geboren.
29. Januar 1970 Käthe Kühl, geborene Nehrhaupt, Kabarettistin und Schauspielerin, stirbt in Berlin.


5. Februar 1790 Die Schriftstellerin Minna Apranzow wird in Berlin geboren.
11. Februar 1920 Die Malerin und Salonnière Luise Begas-Parmentier stirbt in Berlin.
12. Februar 1850 Die Schriftstellerin Auguste Hauschner kommt in Prag zur Welt.
18. Februar 1840 Elisabeth Christine Ulrike Herzogin von Braunschweig-Wolfenbüttel Prinzessin von Preußen stirbt in Stettin.
19. Februar 1980 Die Sozialarbeiterin Idamarie Solltmann stirbt in Dinklage.
20. Februar 1890 Evelyn Faltis, Komponistin, wird in Trautenau / Böhmen geboren.
22. Februar 2000 Olga Jensch-Jordan, Kunstspringerin und Trainerin, stirbt in Berlin.
23. Februar 1540 Hedwig Markgräfin von Brandenburg, Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg sowie Fürstin von Braunschweig-Wolfenbüttel, Tochter des brandenburgischen Kurfürstenpaares Joachim II. und Hedwig von Polen, kommt im Schloß zu Cölln (Berlin) zur Welt.
23. Februar 1860 Die Schriftstellerin Margarethe von Bülow kommt in Berlin zur Welt.
27. Februar 1860 Die Schauspielerin Paula Conrad-Schlenther kommt in Wien zur Welt.
27. Februar 1930 Helga Grebing, Historikerin und Professorin, kommt in Berlin zur Welt.


6. März 1940 Else Lehmann (Lehmann-Kuh), Schauspielerin, stirbt in Prag.
9. März 1980 Die Schauspielerin Olga Tschechowa stirbt in München.
12. März 2010 Hanna-Renate Laurien, Lehrerin und Politikerin, stirbt in Berlin.
13. März 1940 La Jana, geborene Margarethe Henriette Hiebel, Schauspielerin und Tänzerin, stirbt in Berlin.
15. März 1950 Die Schriftstellerin Susanne Kerckhoff stirbt in Berlin.
20. März 1880 Magda Trott, Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, kommt in Freystadt (Schlesien, heute Kożuchów, Polen) zur Welt.
21. März 1860 Martha Fontane, Herausgeberin, kommt in Berlin zur Welt.
25. März 1880 Ludmilla Assing, Schriftstellerin, stirbt in Florenz.

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