Gerhild Komander - Stadtführungen in Berlin und Potsdam - Vorträge Kunstgespräche

  Stadtführungen in Berlin und Potsdam - Vorträge zur Berliner Geschichte - Kunstgespräche – Gerhild Komander
10.09.2010
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Schillerpark

Von Joseph Roth  

Sonnenhungrige auf der Bürgerwiese, 2001Der Schillerpark eröffnet sich unvermutet im Norden der Stadt, eine überraschende Kostbarkeit hinter dem Alltag nördlicher Schultheiße und Patzenhofer: ein Park im Exil. Er sieht aus, als wäre er einmal im Westen gewesen und als hätte man ihm, anläßlich seiner Verbannung, seinen Schmuckteich genommen und die Edelschwäne und das Wetterhäuschen mit Barometer und Sonnenuhr.

 

Geblieben sind ihm die Trauerweiden und sein Gefolge, die Parkwächter. Das sind schweigsame und wahrscheinlich wertvolle Menschen, weil sie keinen seelenverderbenden Beruf haben. Sie sind die einzige harmlose Polizei in dieser Welt, von Gott und dem Magistrat eingesetzte Warnungstafeln, die vor Langerweile plötzlich ihren Standort verließen und in den Alleen auf und ab zu wandern anfingen. Auf ihren Gesichtern steht die verwitterte Inschrift: Bürger, schützt eure Grünanlagen – und die Weidenruten, die sie in Händen halten, sind gewissermaßen wedelnde und sanfte Rufzeichen. Die Parkwächter sind übrigens die einzigen Lebewesen, die befugt sind, den Rasen zu betreten.

 

Die große Düne und die Baumpflanzungen von Friedrich Bauer, 2001Ich wüßte gerne, was die Parkwächter im Winter tun. Undenkbar fast, daß sie jemals den Park verlassen und in einer Küchenwohnung hausen mit Weib und Kindern. Sie hüllen sich vielleicht in Stroh und Lappen, und die Vorübergehenden halten sie für Rosenstöcke. Faune aus Marmor oder erzene Brunnenengel. Oder sie graben sich für den Winter ein und ersprießen dann im Lenz mit den Primeln und den ersten Veilchen. Daß sie sich von Hagebutten nähren wie Waldwesen, habe ich selbst gesehen. Wenn man sie fragt, besinnen sie sich lange, ehe sie eine Antwort geben. Es ist immer ein Stück Einsamkeit um sie, wie um Totengräber und Leuchtturmwärter...

 

Die Menschen, die in der Gegend des Schillerparks leben, müssen an jedem Vormittag arbeiten. Deshalb ist der Schillerpark genauso menschenleer, wie wenn es verboten wäre, ihn zu betreten. Nur selten stapft ein Arbeitsloser durchs Gehege.
 

Badespaß in der Plansche an der Bristolstraße, 2001Und zwei Mädchen, siebzehnjährig und naturbeflissen, wandeln durch seine Alleen. Das sieht aus, als vermöchten Birken plötzlich zu wandern. Die wirklichen Birken aber sind festgewurzelt und dürfen sich nur in den Hüften wiegen.Die Kinder kommen um drei Uhr nachmittags mit Schaufeln, Spaten und Müttern. Sie legen die Mütter auf den breiten, weißen Bänken ab und trippeln zum Sandplatz. Den Sand hat der liebe Gott eigens für die Kinder erfunden, auf daß sie in weiser Ahnungslosigkeit des Spiels Zweck und Ziel irdischer Tätigkeit versinnbildlichen. Sie schaufeln den Sand einer Stelle in einen Blecheimer, schleppen ihn an eine andere Stelle und schütten ihn hier aus. Dann kommen andere Kinder und schaufeln den aufgehäuften Sand wieder dorthin, woher er stammte.Und das ist das Leben. 

Die Trauerweiden dagegen erinnern an den Tod.
Sie sind ein bißchen willkürlich und übertrieben, immer noch grün inmitten herbstlichen Farbentohuwabohus, und sie haben ein menschliches Pathos. Die Trauerweiden hat Gott nicht von Anbeginn erschaffen, wie Haselsträucher etwa und Apfelbäume, sondern nachdem er sich entschlossen hatte, die Menschen sterben zu lassen. Sie sind gewissermaßen sekundäre Baumerscheinungen, Flora mit Intellekt und Bewußtsein für Zeremonielles.

Die Terrassenanlage auf der Sportwiese mit Schillerdenkmal und Pavillon, 2005Auch im Schillerpark fällt das Laub herbstgemäß von den Bäumen, aber es bleibt nicht liegen. Im Tiergarten zum Beispiel darf ein wehmütiger Wanderer im Laub geradezu waten. Das verursacht ein poetisches Rascheln und macht die Seele schwer. Im Schillerpark aber sammeln die Weddingmenschen jeden Abend das Laub und trocknen es und heizen damit im Winter. Das Rascheln ist ein Luxus; als wäre Poesie ohne Zentralheizung naturwidrig.  Die Hagebutten sehen aus wie kleine, rote Likörfläschchen, zu Reklamezwecken. Sie fallen ganz umsonst von den Bäumen und werden von den Kindern gesammelt. Die Parkwächter sehen solchem Gehabe ruhig zu. Man hat Vertrauen zu dem Herrn, der die Wächter auf dem Felde speist und mit Magistratsklappen kleidet. 

Aus: „Berliner Börsen-Courier“ vom 23.10.1923

- gk 10-06 -

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