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Aktuelle Rezensionen Berlin-Bücher
Verfaßt von Gerhild H. M. Komander
Ben Hecht: Revolution im Wasserglas. Geschichten aus Deutschland 1919
Klaus Kordon: Julians Bruder
Matthias Donath und Gabriele Schulz: Denkmale Wedding und Gesundbrunnen
Ben Hecht: Revolution im Wasserglas. Geschichten aus Deutschland 1919
Ben Hecht (1894 – 1964) war einer der berühmtesten Drehbuchautoren, die Hollywood gesehen hat. Wo nimmt ein Drehbuchautor in den Vereinigten Staaten von Amerika seine Ideen her? Waren vielleicht seine Erinnerungen eine Quelle? 1918 zum Beispiel: Der Deutschland-Korrespondent der „Chicago Daily News“ steigt im Hotel Adlon am Pariser Platz ab. Das Abenteuer kann beginnen ...
Ben Hecht spricht kein Wort Deutsch. Der „Gehrock“ vom Hotel Adlon ist seine erste Informationsquelle. - Der Kellner flüstert ihm zu, Karl Liebknecht werde in der Nacht das kaiserliche Schloss angreifen. „Wer ist Karl Liebknecht?“ Ein Führer des Spartakusbundes, erwidert der Kellner. Ob das Bolschewisten seien? Nein, Deutsche. - Das absurde Frage- und Antwort-Spiel gipfelt in der Einladung, am Angriff auf das Berliner Schloss teilzunehmen. Ben Hecht nimmt teil, die Nacht endet mit dem Zusammenbruch des kaiserlichen Nachttisches im Schlafzimmer Wilhelms II. Der Nachttisch ist der Bürde revolutionärer Literatur nicht gewachsen.
Der naive Augenzeuge Hecht hat den Auftrag, seiner Zeitung in New York Nachrichten aus Deutschland zu schicken, schreibt eine „tolle Story“. Mit den Interviews will es nicht so recht klappen. Großadmiral Alfred von Tirpitz verweist auf seine Memoiren. Das bescheidene Ergebnis aus dem Gespräch mit Philip Scheidemann, dem Ministerpräsidenten der ersten deutschen Republik, enttäuscht den Chef jenseits des Atlantiks so sehr, dass die Entlassung droht. Von General Max Hoffmann lässt Hecht sich berichten, dass der russische Wahnsinn die deutsche Wehrmacht an der Ostfront ruiniert hätte, weshalb die Truppen nicht zur Unterstützung an die Westfront hätten geschickt werden können.
Als er in den fünfziger Jahren seine Memoiren schreibt, verfasst Ben Hecht auch die Texte über seinen Aufenthalt in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Imponieren kann Berlin ihm nicht. Was er nicht vergisst, ist das „Lechzen der Deutschen nach dem Peitschenknall der Autorität“, das in der Zeit des nationalsozialistischen Deutschland seinen Gipfel erreicht.
Ben Hecht: Revolution im Wasserglas. Geschichten aus Deutschland 1919, aus dem Englischen von Dieter H. Stündel und Helga Herborth, mit einem Nachwort von Helga Herborth und Karl Riha, Berlin: Berenberg Verlag 2006. 107 Seiten. Mit zwölf Schwarzweißabbildungen. 19,00 Euro
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Klaus Kordon: Julians Bruder
Es braucht viel Zeit, bis manche Geschichte erzählt werden darf. Der Roman Julians Bruder ist solche eine. Klaus Kordon erzählt von der lebenslangen Freundschaft zwischen Paul und Julian, Jahrgang 1928, geboren und aufgewachsen in Berlin. Lebenslang und doch kurz für ein Leben war diese Freundschaft, denn Julian stirbt mit 19 Jahren im sowjetischen Speziallager Buchenwald.
Als Kinder halten sie Juden für eine „besonders bösartige und bissige Hunderasse“. „Weshalb sonst durften sie nicht in die Gastwirtschaft?“ Julian wird als Jude diffamiert, obwohl er der evangelischen Kirche angehört, weil seine Eltern jüdischen Glaubens sind. 1942 werden seine Eltern in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert, den Sohn zurücklassend, um ihn zu retten. Pauls Mutter sorgt für sein Untertauchen, Paul und seine Schwester Bille helfen und halten zum Freund. Julian überlebt. Wenige Wochen nach der Kapitulation befreien Paul und Julian Bille aus der Gewalt sowjetischer Soldaten, die sie in aller Öffentlichkeit vergewaltigen.
Sie werden abgeführt und in Buchenwald interniert, denn Jungen in ihrem Alter gelten als faschistische Soldaten, als „Werwölfe“, Julian wird als Verfolgter der Nationalsozialisten nicht akzeptiert, man will seine Geschichte nicht hören. „Solange Leben ist, ist Hoffnung“, hatte Liebe Sternberg, Julians Mutter, immer gesagt. Er verliert die Hoffnung, klagt nicht über Durchfall, verheimlicht sein Kranksein, gibt sich dem sicheren Sterben hin. In Pauls Trauer dringen die Worte des Pfarrers, der noch Kraft zu trösten hat: „Was hast Du für ein Glück, daß du einen Julian gefunden hast.“ Und Paul versteht, daß ihre unverbrüchliche Freundschaft eine besondere Erfahrung, ein großes Geschenk ist, das den Tod überdauert. So hält er durch, bis er endlich im Sommer 1948 aus dem Lager entlassen wird.
Kordon hat seine Gabe, Geschichte zu erzählen, schon oft bewiesen. In diesem Roman ist sein Stil nicht so kompakt wie in den anderen, er formuliert sehr vorsichtig, moralisiert gelegentlich. Viele überflüssige Sätze geben Rechtfertigungen in alle politischen Richtungen. Das wäre nicht nötig. Dem Überfall auf Bille steht der Erzähler merkwürdig hilflos gegenüber. An dieser Stelle folgt kein Kommentar, der etwas erklären könnte, kein moralischer Einwand. Die angeordneten Vergewaltigungen nach Kriegsende wurden allein in Berlin auf mindestens 90 000 Fälle geschätzt. Das berichtet Kordon im Anhang des Romans.
Das lebenslange Leid dieser Mädchen und Frauen wird eine Frau erzählen müssen. Klar konturiert Kordon dagegen das Leben der Lagerinsassen in Buchenwald. Er befragte Überlebende, studierte Quellen. Als Bindeglied zwischen nationalsozialistischer und stalinistischer Zeit fungiert hier die Figur des Max Schlicht. Sie bürgt für die Kontinuität der Diktaturen.
Wir besuchten Buchenwald 1984 als StudentInnen und nahmen den verwirrenden Eindruck mit, es sei hauptsächlich ein Lager für Kommunisten gewesen. Schlägt man heute die offizielle Broschüre auf, die 1983 in der Redaktion von Annadora Miethe veröffentlicht wurde, erstaunt nur noch die Unverfrorenheit, mit der die erste Nennung der jüdischen und für jüdisch erklärten Gefangenen auf Seite 10 erfolgt. Die Chronik des Lagers bricht mit dem Abzug der SS ab und wird erst mit der Errichtung der Gedenkstätte wieder aufgenommen.
Obwohl das Internierungslager der sowjetischen Besatzung zu diesem Zeitpunkt noch existierte, wird es verschwiegen. Die Gedenkstätte Buchenwald wurde im wesentlichen für Antifaschisten errichtet, was immer auch Stalinisten darunter verstanden. Der Buchenwald-Schwur wurde in der SBZ, der DDR und der Sowjetunion zur Groteske. – Das lange verschwiegene Thema der sowjetischen Lager überhaupt aufzugreifen, diese Tatsachen Jugendlichen zu vermitteln, ist ein großes Verdienst von Klaus Kordon.
Klaus Kordon: Julians Bruder, Weinheim: Beltz & Gelberg 2004. 623 S.
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Matthias Donath und Gabriele Schulz: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte. Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen
Da mag manche(r) staunen: Der Wedding, seit der Bezirksreform wieder in die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen geteilt, und seine Architektur wird in einem umfangreichen Band der Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland aus der Sicht der Stadt- und Architekturentwicklung dargestellt. Doch kaum ein Stadtteil Berlins besitzt - außer jenen, die eine mittelalterliche Dorfkirche zu ihren Kostbarkeiten zählen dürfen - ein umfangreicheres Repertoire an Beispielen zur Architekturgeschichte.
Vom Ursprung des Wedding (1251), dem älteren der beiden Stadtteile, hat nichts die Zeitläufte überlebt. Der spätere Weddinghof, im Winkel zwischen Reinickendorfer Straße und Pankstraße gelegen, wurde bereits im 19. Jahrhundert von mehrstöckigen Mietshäusern verdrängt. Das älteste Gebäude des früheren Bezirks ist das 1782 erbaute Kolonistenhaus in der Koloniestraße, das auf die Wiederauferstehung des Wedding im Zusammenhang mit der Gründung zahlreicher Kolonistendörfer unter König Friedrich II. verweist.
Bekannter sind die Vorstadtkirchen Karl Friedrich Schinkels am Leopoldplatz und an der Pankstraße, die in den frühen dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts entstanden. Unbedingt zu nennen sind auch die Überreste des Luisenbades, Ursprung des Gesundbrunnens an der ehemaligen Mühle an der Panke. Hier findet sich ein begehbares Denkmal. Denn seit dem die Um- und Erweiterungsbauten abgeschlossen wurden, begrüßt die Stadtteilbibliothek am Luisenbad lesehungrige Weddingerinnen und Weddinger in alten und neuen Räumen, die eine gelungene Verbindung miteinander eingegangen sind.
Dem Industriestandort Wedding setzten Franz Schwechten und Peter Behrens Denkmäler an der Ackerstraße, dem Gründer der AEG Emil Rathenau setzte Georg Kolbe mit der monumentalen Bronzeschraube ein Denkmal inmitten der Rehberge. Unweit davon die Wohnsiedlung des Architekten Bruno Taut, die Friedrich-Ebert-Siedlung, dessen funktionalen Wohnbauten man überall in Berlin begegnet. So auch am Schillerpark, eine der schönsten Parkanlagen, die die Bundeshauptstadt Berlin zu bieten hat. In der Siedlung Schillerpark, in der Denkmaltopographie dem Englischen Viertel zugerechnet (der Name besitzt keinerlei Popularität), entstanden vor dem Zweiten Weltkrieg Bauten von internationaler Qualität. Sie sind immer ein beliebtes Ziel von Architekturstudenten, genauso wie die Kuben Mies van der Rohes an der Afrikanischen Straße.
Architektur des Historismus gibt es im Wedding in großer Zahl, auch außerhalb der typischen Mietshäuser. Architekturgeschichtliches Interesse treibt so manche Besucher zum Amtsgericht an der Pankstraße, dessen Fassaden und Innenleben sofort an die Burg in Meißen erinnern. Das war gewollt. Ein Beispiel kommunalen Bauens im Stil der Neuen Sachlichkeit ist das Rathaus an der Müllerstraße, errichtet von Friedrich Hellweg. Wenige Jahre später baute Hans Heinrich Müller an der Sellerstraße das Abspannwerk Scharnhorst für die BEWAG. Aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten auf die Denkmalliste Wedding und Gesundbrunnen der Kiosk von 1955, Seestraße 93, die Aula (heute Max-Beckmann-Saal) der Staatlichen Ingenieurhochschule Gauß von Herbert Rimpl und natürlich das Haus Müllerstraße 163, das Kurt-Schumacher-Haus, Sitz des Landesverbandes der SPD.
Am Denkmalbestand im Wedding und am Gesundbrunnen lassen sich ein wesentliches Stück Berliner Geschichte und darüber hinaus mehr als zwei Jahrhunderte Architekturgeschichte (Kolonisation, Industrialisierung und moderner Wohnungsbau, Krieg und Teilung der Stadt, Wiederaufbau und Stadterneuerung) an wichtigen Beispielen ablesen. Dem entspricht die Ausführlichkeit der vorliegenden Denkmaltopographie.
Matthias Donath beschreibt zunächst Geschichte und Stadtentwicklung der beiden Stadtteile. Dann werden in fünf Kapiteln die Denkmale der Rosenthaler Vorstadt, des Gesundbrunnen, des Wedding, des Afrikanischen und Englischen Viertels (Schillerpark) und der Volkspark Rehberge in ihren historischen Bezügen dargestellt. Die umfangreiche Ausstattung mit historischen und aktuellen Photographien trägt wesentlich zum Verständnis aller Leser und Leserinnen bei, unabhängig davon, wie tief man in die Geschichte eintauchen möchte. Die solide Gestaltung ohne jeden Schnörkel erlaubt irritationsfreies Lesen, welch ein Genuß.
Das Bedauern darüber daß das Buch nicht in der Hosentasche zu verstauen ist, um es bei eigenen Stadtspaziergängen bei sich zu haben, währt angesichts der Fülle der architektonischen Entdeckungen nicht lange. Schnell sieht man ein, daß sich die Denkmalgeschichte des Arbeiterbezirks eben nicht in die Tasche stecken läßt. - Ein Hinweis zum Schluß: In einem Punkt ist der Herr Landeskonservator unbedingt zu korrigieren: Der Wedding heißt nicht bloß im Volksmund „der Wedding“. Dieser Stadtteil Berlins hieß niemals anders. Erst die willkürlich nivellierende Sprachregulierung der letzten zehn Jahre will unbedingt den 850 Jahre alten Ortsnamen in ihre Schubladen zwingen.
Matthias Donath und Gabriele Schulz: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte. Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2004. 286 S. Mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen und einer Denkmalkarte als Beilage. Anhang mit Konkordanz der Straßennamen, Anmerkungen, Bibliographie, Denkmalliste und Register.
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© - gerhild komander 1-07 -
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