Gerhild Komander - Stadtführungen in Berlin und Potsdam - Vorträge Kunstgespräche

  Stadtführungen in Berlin und Potsdam - Vorträge zur Berliner Geschichte - Kunstgespräche – Gerhild Komander
07.09.2010
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Krönungsfeier 1901
Initiativen Wilhelms II.
Ordensfest 17.1.1901
Krönungsfest 18.1.1901
Ganz Berlin feiert
Quellen

Geschichte Brandenburg-Preußen  Berliner Geschichte


„Der Jubeltag der Krone Preußens“

Ein Bericht zum zweihundertjährigen Jubiläum des Krönung- und Ordensfestes des Königreichs Preußen, dargestellt anhand der zeitgenössischen Quellen


Am 18. Januar 1701 war ein Traum für den brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. in Erfüllung gegangen: In der Schloßkirche zu Königsberg setzte er sich eigenhändig die Krone des Königs in Preußen auf das Haupt, wozu er die nicht notwendige und doch wichtige Zustimmung des Kaisers errungen hatte. Dreihundert Jahre später wird diesem Ereignis mit historischen Ausstellungen in Berlin und andernorts gedacht werden. Die umfassendsten Feierlichkeiten aus Anlaß der Krönung Friedrichs III. zum ersten König in Preußen fanden unter Wilhelm II. zur 200. Wiederkehr des Krönungs- und Ordensfestes statt. [1]


„Bürgerstolz vor Königsthronen“
Die Feierlichkeiten des Berliner Magistrats

Von „Byzantinismus“ als Gegensatz zur „Wahrheitsliebe“, von leeren Formfragen statt Traditionen, von „menschliche(n), sittliche(n) Verfehlungen“ an Stelle von ehrbaren Leistungen einer Dynastie war die Rede. Kein Wunder, daß die Wortmeldungen der sozialdemokratischen Stadtverordneten Adolf Hoffmann und Arthur Stadthagen am 3. Januar 1901 vor dem Berliner Stadtparlament besondere Unruhe und besonderen Widerspruch auslösten.

Worum ging es?
Am 20. Dezember 1900 hatte der Magistrat hiesiger Königlicher Haupt- und Residenzstadt eine Vorlage eingebracht, „zur Beschlußfassung betreffend die Bewilligung von 5600 M. behufs der Vertheilung einer Schrift zur Feier des 18. Januar 1901 an Gemeindeschulkinder.“ Ohne daß die Schrift den Stadtverordneten vorgelegen hatte, sollten die Kosten für deren Druck gebilligt werden.

„Wir stehen (...) auf dem Standpunkt: nicht einen Pfennig für dynastische Zwecke,“ erklärte Hoffmann. „Wir haben keine Lust, am allerwenigsten zu Verherrlichungen etwas zu geben, die nach unserer Meinung sehr wenig herrlich sind.“ [2] Stadthagen erachtete den Anlaß selbst, die Feier der Krönung Kurfürst Friedrichs III. zum ersten König in Preußen und ersten König aus dem Haus Hohenzollern, für historisch irrelevant, die Dynastie an sich für unwürdig jeglicher Ehrenbezeugung und bezichtigte den Initiator, Oberbürgermeister Kirschner, und die ihm zustimmenden Stadtverordneten der Schmeichelei:

„Jemand aber, der ein Buch nur aus dem Anlaß, weil irgend eine Krone vor 200 Jahren das erste Mal auf ein Haupt gesetzt ist, einem Kinde ein Buch, daß dieses Ereignis feiern soll, in die Hand drückt und dadurch verschweigt, welch ungeheuer große menschliche, sittliche Verfehlungen auch diejenigen, die in den 200 Jahren auf dem Thron der Hohenzollern gesessen haben, begangen haben, der führt zur Unaufrichtigkeit, zum Byzantinismus.“ [3]

Außer der heftig verteidigten Ablehnung der sozialdemokratischen Vertreter gab es geringfügige Einwände in der Stadtverordneten-Versammlung gegen die Vorlage des Magistrats. Sie betrafen den Vorwurf, daß die Schrift den Parlamentsmitgliedern nicht vorgelegt worden war, doch vertraute man sich dem Urteil Kirschners an, der das Buch des Schulrates Fritz Jonas aufgrund seiner ausgewogenen Darstellung ausgewählt hatte, „welche die hervorragenden Thaten der Könige und der Kulturbewegung des Volkes gleichmäßig erkennen läßt und zu weiterem Nachdenken anregt.“

Kirschner erklärte, die Idee zur Verteilung dieses Buches sei aus einem „schlichten, einfachen Gedanken“ entstanden, der Tradition „zivilisierter und gebildeter Völker“ „die Gedenktage großer historischer Ereignisse zu feiern“ und verwarf Stadthagens Ablehnung mit den Worten: „Diese Art, Bürgerstolz vor Königsthronen zu zeigen, ist Geschmachssache.“ [4]


„der Herzschlag der preußischen Geschichte“ 

Der Verfasser der unbekannt-umstrittenen Schrift, Dr. Fritz Jonas, gehörte nach der Meinung des Stadtverordneten Mommsen zu den hervorragendsten Schulinspektoren in Berlin. „200 Jahre Preußische Geschichte. Eine kurzgefaßte Darstellung der Entwickelung Preußens von Friedrich I. bis Kaiser Wilhelm II.“ hatte er seine Darstellung betitelt, die im Jubiläumsjahr 1901 bei Hofmann & Campe in Berlin erschien.

Jonas verfolgt die zeitübliche historiographische Linie einer konsequenten Entwicklung Preußens „aus kleinen Anfängen zur Großmacht und zum führenden Staate in Deutschland“, dessen „eigentliche(r) Begründer“ Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, und dessen Vollender Wilhelm I. gewesen sei - unter der diplomatischen Regie und den patriotischen Zielen des preußischen Ministerpräsidenten und deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck.

Der rote Faden der brandenburgisch-preußischen Geschichte oder, wie Jonas formuliert, „der Herzschlag der preußischen Geschichte“ [5] sei die Gewissensfreiheit, mit sittlicher Zucht und Gerechtigkeit das Fundament des preußischen Staates bildend. Zwischen der Regierung Kurfürst Friedrich Wilhelms und der „drei ersten Kaiserkönige“ handelt Jonas die Epochen der preußischen Könige ihrer Reihenfolge nach ab, selbstverständlich nicht in objektiver Betrachtung, sondern aus dem Blickwinkel des kaisertreuen Patrioten, dennoch mit einem erstaunlichen Maß an offenherziger Kritik, von der einige Beispiele aufgeführt werden sollen.

Friedrich I. muß die üblichen Vorwürfe einstecken, da er „mit dem üppigen französischen Hofe zu wetteifern suchte, doch lobt ihn der Historiker, da er über die Pracht die Würde nicht vergaß und dieser Ausdruck verlieh: da er von Gottes Gnaden König wurde, indem er sich selbst krönte. Doch weder Friedrich I. noch seine Räte, so urteilt Jonas, erkannten „die große politische Bedeutung dieser Errungenschaft.“

Friedrich Wilhelm I., der Nachfolger, den sich der Große Kurfürst gewünscht habe, stellte das Volkswohl über das Wohl des einzelnen. Aber Jonas fragt, „wer denn das wahre Volkswohl richtig erkennen kann und über dasselbe entscheiden soll.“ In Hinblick auf den unglücklichen Kronprinzen stellt der Autor fest: „Die geniale Beanlagung Friedrichs II. war eine Mitgift der Vorsehung, zum Charakter ist er unter der Zucht des Vaters erwachsen.“ [6] Der patriarchalische Glaube Friedrich Wilhelms I. an das Gottesgnadentum belege sowohl seine Einseitigkeit als auch seine Stärke und rechtfertige damit sein „hartes selbstherrliches Regiment.“

Friedrich II. wird als Persönlichkeit charakterisiert, deren hervorragende Eigenschaften als Summe der Ahnen erscheinen: „Tatkraft und staatsmännischer Weitblick“ vererbte ihm der Urgroßvater, „Wissenstrieb und Kunstliebe“ die Großmutter, „nüchternen Verstand und zähe Willenskraft“ der Vater. Zur Pressefreiheit unter Friedrich II. heißt es, daß aber „die Gazetten zunächst trotzdem nicht interessant“ wurden, „weil sich auch in der aufgeklärten Despotie kein reges politisches Leben entwickeln kann.“

Die Verachtung Friedrichs II. für die deutsche Literatur kommentiert Jonas mit den Worten: „Die deutsche Muse ging von seinem Throne schutzlos und ungeehrt und hat sich ihren Wert selbst erschaffen.“ Mit „rücksichtsloser Strenge“ habe der König regiert, „und wie warm sein Volk ihn bewunderte, es fürchtete den harten Mann mit seinem durchbohrenden Blick und seinen wortkargen, lakonisch kurzen Befehlen und Entscheidungen.“ [7]

Scharfe Kritik, der härteste Vorwurf von allen, trifft Friedrich Wilhelm II.: „Auf den thatenreichsten König aus dem Hause Hohenzollern folgte der unbedeutendste.“ So erstaunt der Schlußsatz nicht: „Zum Heile des Staates dauerte die Regierung Friedrich Wilhelms nicht lange.“ [8] Mit Wärme wird der Charakter Friedrich Wilhelms III. geschildert, der politisch versagt habe, so aber dem Volk Gelegenheit gegeben habe, sich zu bewähren,27 denn: „Man war eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen und furchtbar durch ein Gottesgericht geweckt worden.“ [9]

In der Schilderung der Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. würdigt Jonas erstmals Staatsmänner und militärische Befehlshaber außerhalb der Hohenzollern-Dynastie, den Freiherrn vom und zum Stein, „der eigentliche Neubegründer des Staates“, Scharnhorst und Blücher und Humboldt. Hardenberg fehlt.

Ein dezidiertes Bild gibt Jonas von Wilhelm I., dem der ungleich größere Teil des letzten Kapitels, „Preußen unter den drei ersten Kaiserkönigen“ gewidmet ist. „Durch und durch soldatischer Natur“ interessierten den ersten deutschen Kaiser die inneren Angelegenheiten des Staates wenig. Die Charakterisierung des Ministerpräsidenten und Kanzlers an seiner Seite gipfelt in den Worten: „So wuchs er (Wilhelm I.) aus dem Genius seines großen Ministers hervor.“

In der Summe aber glichen Stärken und Mängel des Kaisers einander aus: „Wilhelm I. war nicht groß an schöpferischer Kraft, aber er war groß an Gesinnung und Königlicher Würde.“ [10] Friedrich III. weiß Jonas bloß zu loben. Wilhelm II. wird pietätvoll nach zwei Seiten Text als „ein nimmermüder Protektor der Künste“ und „ein echter Hohenzoller“ in die Zukunft entlassen - wie auch die nun vollends verunsicherten Leser -, für die Jonas wünscht, daß nach der Einigung des Reiches auch das Volk „innigst einig“ werde.


... wenn er denn das Buch gelesen hätte!

Kirschners Urteil über die preußische Historie von Fritz Jonas ist nicht falsch, betrachtet man diese aus den zeitgebundenen Möglichkeiten eines Lehrers im Deutschen Kaiserreich: Der loyale Unterton glaubt an das Gottesgnadentum der Könige ebenso wie an die menschliche Bedingtheit des Monarchen, die sich seit der „Verbürgerlichung“ Friedrichs II. durch die Berliner Aufklärung als populäre Auffassung der Bevölkerung von seinem Herrscher durchgesetzt hatte. So werden die Schwächen als menschliche, die Stärken als königliche Eigenschaften betrachtet.

Eine Methode, die – fast – allen Hohenzollernfürsten die Aufnahme in die Riege der erfolgreichen Herrscher in Brandenburg-Preußen erlaubt und damit dem dynastischen Gebot der Kontinuität als Machtgrundlage genügt. Am 30. Januar 1901 wurde die Vorlage des Magistrats zur Verteilung der „Preußischen Geschichte“ von Fritz Jonas an die Schüler der Berliner Gemeindeschüler wurde noch am 30. Januar 1901 von der Stadtverordneten-Versammlung angenommen. Die erste Hürde der vom Magistrat gewünschten Beiträge der Stadt Berlin zu den Feierlichkeiten des zweihundertjährigen Ordens- und Krönungsjubiläums im Jahre 1901 war genommen.

Später stellte sich heraus, daß Kirschner die von ihm empfohlene Schrift nur flüchtig durchgesehen hatte. Nachdem zumindest einige Stadtverordnete das Buch von Jonas gelesen hatten, ergab sich die peinliche Situation, daß übersehen worden war, daß Jonas die Sozialdemokraten für die Attentate auf Wilhelm I. verantwortlich machte, was die Billigung Kirschners nicht gefunden hätte, wie dieser beteuerte, wenn er denn das Buch gelesen hätte! [11]

Auf ebenso heftigen Widerstand wie die Vorlage zur Bewilligung von 5 600 Mark zu obengenanntem Zweck stieß die Vorlage Oberbürgermeister Kirschners zur „Errichtung einer Stiftung zur Beschaffung billiger und gesunder Wohnungen für minder bemittelte Einwohner Berlins.“ Ausgestattet mit einem Kapital von einer Million Reichsmark sollte die Stiftung vorbildlich wirken auf die Qualität der künftig vermehrt zu errichtenden Kleinwohnungen. Nicht Almosen wolle man geben, betonte Kirschner, „wohl aber Minderbemittelte durch Gewährung gesunder Wohnungen zu einem angemessenen Preise in ihrer wirthschaftlichen Selbständigkeit (zu) erhalten und dadurch vor wirthschaftlichem Verfall“ schützen. [12]


Die Kärglichkeit der Sache durch einen pompösen Namen verhüllen 

Natürlich war es nicht die liberal-fürsorgliche Absicht Kirschners, dem Wohnungsmangel in Berlin entgegenzutreten, der dieses Mal die sozialdemokratischen Stadtverordneten empörte.
Nein!

„Mit Rücksicht darauf, daß es für die Hauptstadt des Königreiches Preußen angezeigt sein dürfte, den für unser Vaterland und unsere Stadt hochwichtigen Tag, an welchem das Königreich Preußen 200 Jahre besteht, in angemessener Weise auszuzeichnen und zu feiern, haben wir beschlossen, die beabsichtigte Stiftung zum Andenken an den 18. Januar 1701 als Jubiläums-Stiftung zu errichten und ihr den Namen des Gründers des preußischen Königreiches beizulegen. Um der Bürgerschaft die Möglichkeit zu geben, sich an dieser Jubiläums-Stiftung zu betheiligen, wollen wir diese in einem Ausrufe zur Beisteuer für die Stiftung auffordern.“ [13]

Der Verknüpfung der sozialen Tat mit dynastischen Ehren wollte man von sozialdemokratischer Seite widerstehen. Dementsprechend äußerte sich der Stadtverordnete Hugo Heimann:

„Meine Herren, was hat [sic!] König Friedrich I. und das 200jährige Bestehen des Königreichs Preußen mit der sozialen Verpflichtung der Stadt Berlin zu thun, anerkannten Mißständen auf dem Gebiete des Wohnungswesens entgegenzutreten? Nichts! Es wäre denn, daß der Magistrat den Wunsch hätte, die Kärglichkeit der ganzen Sache durch einen möglichst pompösen Namen zu verhüllen, und das Bedürfnis fühlte, eine Reverenz nach oben hin zu machen, und nun geglaubt hat, da die Wohnungsfrage nun einmal im Vordergrunde des öffentlichen Interesses in Berlin steht, am besten hier einhaken zu können.“ [14]

Heimann stellte im Namen seiner Fraktion die Forderung nach städtischem Wohnungsbau, städtischer Wohnungsbauinspektion und einem städtischem Wohnungsamte mit Wohnungsnachweis auf. Die dürftige Antwort Kirschners, der sehr wohl „eine Reverenz nach oben hin“ nötig hatte, versagte ihm doch Wilhelm II. lange Jahre die Bestätigung als Oberbürgermeister der Stadt, lautete, die Stadt wolle sich wohl um die Wohnungsfrage bemühen, könne aber nicht als Unternehmerin auftreten und erntete doch die mehrheitliche Zustimmung der Stadtverordneten-Versammlung.

Wohl wissend, daß etwa 45 Prozent der in Berlin anwesenden Bevölkerung sich mit 6 bis 14 Personen in Einzimmerwohnungen drängte, erläuterte Kirschner den Sozialdemokraten den „fehlenden“ Zusammenhang der vorgeschlagenen „König Friedrich-Stiftung“ mit dem Kronjubiläum der Hohenzollern:

„Wer historische Kenntnisse hat, wird wissen, daß sich gerade die preußische Monarchie vielfach der Nothleidenden und Bedrängten angenommen hat, und daß es ein echt preußischer Gedanke ist, wenn man Nothleidenden zu Hilfe kommt, daß das vollständig im Geist der preußischen Monarchie ist, wenn man die Gelegenheit zu einer solchen Tat benutzt.“ [15]

Wie recht er damit hatte, daß diese Art bürgerlicher sozialer Fürsorge die Sympathie des Kaisers fand, zeigen weitere wohltätige Stiftungen, die aus Anlaß des Krönungs- und Ordensfestes errichtet wurden.
Paul Singer löste große Heiterkeit unter den Stadtverordneten aus, als er seinem Vergleich der Berliner Situation mit der Stadt Düsseldorf, wo man zwanzig Millionen Reichsmark für die Wohnungsfrage aufwende, anfügte:

„Man wird an jenen Stellen [bei Hofe] die Empfindung haben: wenn dem Magistrat von Berlin die Gründung des Königreichs Preußen eigentlich nicht mehr werth ist als eine Million, so ist das ein Patriotismus, der die Probe auf den Geldbeutel nicht sehr verträgt.“ [16]


Keine Wohnungen für Berlin 

So ernst Kirschner die Angelegenheit nahm, verkannte er doch die Realität zweifach: Das soziale Engagement der Kaiserfamilie beschränkte sich auf Kirchenbau und die Sorge für Kinder und Kranke und wurde zudem vom Engagement der Kaiserinnen und Kronprinzessinnen getragen. Wohnungsbau und Wohnungsnot waren lange schon aus dem herrschaftlichen Blickfeld geraten.

Die Zeiten Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs II., die auf Königlichen Befehl ganze Stadtteile hatten erstehen sehen, waren zudem in ihren Verhältnissen in keiner Hinsicht auf die städtischen Belange Berlins um die Wende zum 20. Jahrhundert anzuwenden. Dennoch wurde Kirschners Vorschlag, die Stiftung einem Sonderausschuß zur Beratung zu übergeben, und später auch die Vorlage zur Stiftungsgründung selbst von der Mehrheit der Stadtverordneten-Versammlung angenommen.

Der Ausschuß, dem unter anderen die Stadtverordneten Mommsen und Singer angehörten, entschied mit 9:4 Stimmen, man wolle mit der Befürwortung der Stiftungsgründung zeigen, „daß auch die Hauptstadt des Königreiches Preußen und die Hauptstadt des Deutschen Reiches diesen Tag als einen wichtigen Gedenktag der preußischen und deutschen Geschichte ansieht.“ Die Einwände der Sozialdemokraten waren wieder einmal überstimmt worden. Paul Singer verglich Friedrich I. mit Ferdinand Lassalle, erntete aber mit seinen Worten, die Sozialdemokraten würden den ersten preußischen König ehren trotz menschlicher Schwächen, die auch Lassalle gehabt habe, und obwohl er König war, wenn Friedrich I. wie Lassalle Großes für das Volk getan hätte, nur Gelächter.

Das Statut der König Friedrich-Stiftung wurde am 10. Januar 1901 von der Stadtverordneten-Versammlung angenommen, mußte jedoch im Juni des Jahres abgeändert werden, da der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, von Bethmann-Hollweg, sie nicht als Stiftung des öffentlichen Rechts ansah, sondern als „reine Wohlthätigkeitsstiftung“, die der Aufsicht des Polizeipräsidenten zu unterstellen sei. Gleichzeitig mußte Oberbürgermeister Kirschner am 19. Juni vor der Stadtverordnetenversammlung zugeben, daß die finanzielle Entwicklung der König Friedrich-Stiftung nicht gut verlaufen war.

Seit der öffentlichen Bekanntgabe der Stiftungsgründung waren von drei Spendern insgesamt 605 Mark eingegangen. Kirschner machte die Propaganda der Sozialdemokraten dafür verantwortlich, „denn ihnen ist es zu verdanken, wenn das Kind bei der Geburt todt geschlagen worden ist. (...) Ich bin fest davon überzeugt, wenn nicht die Art der Kritik erfolgt wäre, die wir gehört haben und die dann in der Presse ein Echo gefunden hat, so wäre die Bürgerschaft bereit gewesen, beizusteuern.“ [17]

Tatsächlich hatte der „Vorwärts“ am 15. Januar mitgeteilt, „Singer und Genossen“ hätten aufgrund der unhaltbaren Situation im städtischen Familienobdach den Antrag gestellt, „durch einen Erweiterungsbau des städtischen Obdachs für obdachlose Familien oder durch Herstellung geeigneter interistimistischer Wohnungsräume oder durch Adaptierung eines städtischen Gebäudes für die Aufnahme obdachloser Familien die zur Verfügung stehenden Räume schleunigst ausreichend zu vermehren.“

Am 26. Januar druckte der „Vorwärts“ die öffentliche Bekanntmachung der König Friedrich-Stiftung ab und kommentierte: „Wie wir hören, wollen die hiesigen Grundbesitzervereine den Anfang im Spenden von Beiträgen machen.“

Die sozialdemokratischen Hinweise auf das Wohnungselend eines Großteils der Berliner Bevölkerung störte einerseits den Großmut des Magistrats, der aus seiner liberalen Grundhaltung heraus ernsthaft glaubte, mit einem Kapital von einer Million Mark vorbildlich auf Wohnungsbauunternehmen wirken und dem Wohnungsmangel in Berlin vorbeugen zu können. Andererseits sah man durch die deutliche Charakterisierung der Wohnungssituation von „Singer und Genossen“ den feierlichen Anlaß der Gründung der König Friedrich-Stiftung beschmutzt. [18]

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