Das Ordenfest bei Hofe am 17. Januar 1901
Wie anders als „durch ein glänzendes militärisches Schauspiel im Zeughause“ konnten die Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler eingeleitet werden? [33] „Über seinem geschmückten Portal wehte heute die Preußenfahne, und auf den Staatsgebäuden rings herum hatte sich ein reicher Flaggen- und Fahnenwald entfaltet, aus dem die Kaiserstandarte, die Standarte des Königs von Preußen und der kurbrandenburgische Adler auf dem Königlichen Schlosse weit emporragten.“ [34] Die Umgebung des Zeughauses wurde bis über den Lustgarten hinaus abgesperrt, um die große Zahl „Königliche(r) Equipagen oder mit Generälen besetzte(n) Miethskutschen“ sowie den Weg des Kaisers und seines Gefolges vom Schloß herüber abzuschirmen.
„Mit klingendem Spiel marschirte die Leibkompagnie des ersten Garderegiments im Paradezuge mit den hohen Grenadiermützen und angezogenen Mänteln an, ebenso die Leibeskadron des Regiments der Gardes du Corps, um die sämmtlichen Fahnen und Standarten des Gardekorps, die Tags zuvor im königlichen Schlosse vereinigt waren, abzuholen.
Kurz nach 9 1/2 Uhr trat die Leibkompagnie mit 47 lorbeergeschmückten Fahnen aus dem Schloß wieder heraus und marschirte unter den Klängen des Preußenmarsches nach dem Zeughause, vor dem sie mit der Front nach dem Eingang und den Feldzeichen auf dem rechten Flügel Aufstellung nahm. Ihr folgte die Leibeskadron mit sämmtlichen Standarten des Gardekorps, um sich links der Kompagnie anzuschließen.
Das Trompeterkorps blies den Hohenfriedberger Marsch. Auf dem äußersten rechten Flügel nahm der kommandierende General des Gardekorps v. Bock und Polach mit dem Kommandeur Obersten v. Plettenberg und sämmtlichen Offizieren des ersten Garderegiments Aufstellung.“ [35]
Viertel vor zehn betraten die Prinzen des Königlichen Hauses und die Kaiserin, in einem dunklen Mantel mit Hermelinbesatz, die Bühne. „Punkt 10 Uhr kam vom Schlosse her zu Fuß der Kaiser mit Gefolge. Der Kaiser trug große Generalsuniform und das Orangeband des Schwarzen Adlerordens unter dem grauen Hohenzollernmantel.“ [36] Nach Abschreiten der Front vor dem Zeughaus begab sich Wilhelm II. in den Lichthof. Dort brachte General von Bock und Polach „dem obersten Kriegsherrn die Glückwünsche des Offizierskorps zum Jubiläum dar, die unter dem Senken der Feldzeichen, dem Präsentiren der Truppen und dem Spiel der Musik in einem dreimaligen Hurrah ausklangen. Der Kaiser antwortete mit einer Ansprache. Bald nach 1 1/2 Uhr schon war die Feier im Zeughause zu Ende.“ [37]
Die Investitur der Ritter
Bereits eine viertel Stunde später versammelten sich die Ritter vom Schwarzen Adlerorden und die aktiven Minister im Rittersaal des Berliner Schlosses, um dort die kaiserliche Familie zur Ritterinvestitur zu erwarten. „An der Spitze der zu investirenden Ritter“ stand „als Vornehmster der Kronprinz des Deutschen Reiches und Kronprinz von Preußen“, „mit dem zwei weitere Thronfolger, Prinz Georg von Sachsen, der den Orden bereits über 53 Jahre besitzt, und der Kronprinz Rupprecht von Bayern, sowie der erste und höchstgestellte Beamte des Kaisers, Reichskanzler Graf v. Bülow, und ein um die Kavallerie hochverdienter General, der Generalinspekteur der Kavallerie Edler v.d. Planitz die Investitur erhielten.“
Wilhelm II. legte, nachdem er sich vom Thron erhoben hatte, und die Auszuzeichnenden ihren Eid auf die Ordensstatuten abgelegt hatten, den Genannten die Ordenskette um den Hals. Eine letzte Fanfare beendete die Investitur. Die Ritter des Schwarzen Adlerordens begaben sich in den Kapitelsaal, wo hinter verschlossenen Türen die Aussprache über Angelegenheiten des Ordens stattfand. „Nach Beendigung des Kapitels wurden in der Schwarzen Adlerkammer die Ordensmäntel wieder abgelegt.“
Im Rittersaal ließ sich anschließend die kaiserliche Familie die neu ernannten Ritter des Roten Adlerordens, des Kronen- und des Königlichen Hausordens vorstellen. Im „Königinnen-Gemach“ hielt man Cour für die diesjährigen neuen Trägerinnen des Wilhelms- und des Luisenordens, des Verdienstkreuzes und der Roten Kreuzmedaille. Ein ausgewählter Personenkreis folgte dem Kaiser und seiner Familie dann zum Gottesdienst in der Schloßkapelle.
„worauf die Musik die Nationalhymne intonirte ...“
Gegen 14 Uhr schritt man zur Mittagstafel, die im Weißen Saal „für eine schier endlose Zahl der Geladenen“ eingedeckt worden war. So endlos die Tafel war, so genau die Kleidervorschrift: „Die Herren vom Zivil“ hatten „in Gala mit preußischem Ordensband“ zu erscheinen. Den inländischen [preußischen] Zivilisten war es untersagt, „von fremden Dekorationen“ die ersten Klassen, die Halsorden und die Sterne anzulegen, wohl um den Glanz des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler, dessen Träger Ehrengäste der Tafel waren, nicht zu beeinträchtigen. Der Kaiser trank auf das Wohl der neuernannten und der altgedienten Ritter, „worauf die Musik die Nationalhymne intonirte, die von allen Anwesenden stehend angehört wurde.“
Die illustre Gästeschar bestand einerseits aus einem Teil derer, die zum Ordensfest ausgezeichnet worden waren, andererseits aus Vertretern des preußischen und des deutschen Hochadels, der großen Hohenzollernfamilie und angeheirateten Mitgliedern des Hauses. Die Zahl der außerdeutschen Fürsten war verhältnismäßig gering. Doch waren Glückwünsche aus vielen europäischen Staaten und aus den Vereinigten Staaten von Amerika eingegangen. Rußland hatte den Großfürsten Wladimir entsandt, Großbritannien den Herzog Arthur von Connaught, Onkel des deutschen Kaisers.
Das Königreich der Niederlande vertrat Vizeadmiral Jontheer van Roëll. Königin Wilhelmina wußte nicht nur um die besondere Zuneigung ihres Verwandten Wilhelm II. zur Marine, sondern kannte auch seine große Wertschätzung für die Verbindung der brandenburgischen mit der niederländischen Geschichte. Wilhelm II. demonstrierte so lange die Pflege seiner außerdeutschen verwandtschaftlichen Beziehungen, wie die Familienmitglieder in Großbritannien, Ruáland und den Niederlanden die Kreise seiner außenpolitischen Ziele nicht überschritten. Wie brüchig diese Bindungen zwischen den europäischen Großmächten waren, wollte sich der Kaiser nicht eingestehen.
„Ihrer Majestät Königin der Niederlande“ hatte Wilhelm II. am Morgen des 17. Januar 1901 ein Telegramm geschickt:
„Das Fest, welches durch Gottes Gnade Meinem Hause und Mir zu feiern vergönnt ist, lenkt zunächst zum Schöpfer Meinen Blick nach den Niederlanden. Dem großen Oranier-Geschlecht verdanken wir die Tugenden, welche den Großen Kurfürsten schmückten, verdanken wir die herrliche Fürstin, welche Preußen seinen ersten König schenkte. Zum Gedächtniß dessen und daß Niederländer unsere ersten Matrosen, ein Niederländer unser erster Admiral gewesen, habe Ich als Präsentiermarsch Meiner Marine den alten „Ehrenmarsch“ der niederländischen Flotte verliehen.
Möge Gott Unsern beiden Häusern stets gnädig sein, wie er es einst in guten und bösen Tagen Unseren Vorfahren war. Meine Marine aber wird sich den Ausspruch Admiral de Ruyter's zu eigen machen: „Es ist mir lieber, daß ich nicht gelobt werde, von Niemandem, und daß ich nach meinem Gewissen frei handele, und meine Befehle so ausführen kann, wie ich soll.“ Wilhelm.“ [38]
Der gezielte Rückgriff auf Traditionen der monarchischen Repräsentation bei den Feierlichkeiten des Krönungs- und Ordensfestes 1901 sollte die Stärke der Monarchie bezeugen. Das Telegramm an Königin Wilhelmina war jedoch von einer kindlichen anmutenden Rührseligkeit, die weder dem Deutschen Kaiser anstand, noch den nach demokratischer Selbstbestimmung strebenden Zeitgenossen - auch im monarchisch-gesinnten Lager - Verständnis abringen konnte. Zudem war allgemein bekannt, daß schon der Große Kurfürst die geringen Erfolgsaussichten seiner Marine realistisch eingeschätzt hatte.
Aber Wilhelmina antwortete geschmeichelt:
„Ich danke Dir von ganzem Herzen für Dein Mich so sehr beglückendes Telegramm und für die Gefühle, die Dich an dem morgigen denkwürdigen Tage auch Meines Landes, Meiner Vorfahren und unseres Großen de Ruyter gedenken lassen. Deine Werthschätzung und Deine Anerkennung für die längst Dahingegangenen rührt Mich tief und hoch erfreut bin Ich über die Verleihung unseres alten Ehrenmarsches als Präsentiermarsch an Deine Marine.
Du weißt, welch innigen Antheil Ich an diesem freudigen bedeutungsvollen Feste nehme! Ich wiederhole Dir Meine allerherzlichsten freundschaftlichsten Glückwünsche. Wilhelmina.“ [39]
Nachdem die festliche Mittagstafel aufgehoben worden war, begab sich der Kaiser zu einem weiteren Höhepunkt des Ordensfestes wiederum in den Rittersaal, zum Empfang der Deputierten der Provinz Ostpreußen und der Stadt Königsberg. Wilhelm II. hatte zur Jubelfeier der preußischen Krone „je einen Vertreter derjenigen Familien eingeladen, welche im Herzogthum Preußen bereits am 18. Januar 1701 angesessen gewesen sind.“ Es waren jene Personen ausgewählt worden, die „vom Heroldsamte als Haupt des ältesten Zweiges der Familien bezeichnet“ worden waren.
... aus tiefstem Elend aufgerichtet
Die zwischen huldvoller Devotion und historisch begründetem Selbstbewußtsein verfaßte Adresse der Vertreter der Provinz Ostpreußen an Wilhelm II. ist im Wortlaut erhalten. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ übernahm den Text der „Königsberger Hartung'schen Zeitung“:
„Wenn am heutigen Jubel- und Festtage die Geschichte der letzten 200 Jahre Hohenzollernschen Schaffens und Kämpfens an Eurer Majestät inneren Auge vorüberzieht, so muß die stolzeste Genugthuung Eurer Majestät Herz erfüllen, das Scepter eines Reiches in fester Hand zu halten, welches durch der Ahnen zähe Beharrlichkeit begründet, durch weise Sparsamkeit wehrhaft gemacht, durch hohen Wagemuth gegen Feinde ringsum siegreich behauptet und erweitert, aus tiefstem Elend durch des Fürsten und des Volkes Gottvertrauen nach siegreichem Kampfe wieder aufgerichtet und endlich in ungeahntem Glanze zum geeinten Deutschen Reich geworden ist.
Wir Ostpreußen aber stehen hier aus einem geschichtlichen Rechte. Denn Gottes gnädige Führung hat unser Land gewürdigt, dem neuen Königreich den Namen geben zu dürfen! (...)“.
Des Kaisers Antwort an die Deputierten veröffentlichte der „Deutsche Reichs- und Königlich Preußische Staats-Anzeiger“. Nach einer allgemeinen Danksagung und einer Huldigung auf Friedrich II. richtete Wilhelm II. das Wort direkt an die Vertreter der Provinz Ostpreußen: „Sie aber, des Stammlandes des Königthums und der alten Krönungsstadt Vertreter, am heutigen Tage hier zu sehen, gereicht Mir zur besonderen Freude.“
Auch Wilhelm II. sprach von der Zeit der napoleonischen Kriege, „jenen Jahren der herbsten Prüfung“, in denen es die Ostpreußen waren, „in deren Haus und Herzen die königliche Familie sicher ruhte“, und nicht genug: "die Ostpreußen wiederum waren es, die, als die Morgenröthe einer besseren Zeit anbrach, vorangingen in einer vaterländischen Erhebung, wie sie reiner, edler, opferbereiter die Welt nicht gesehen!“
Ergriffen dankte Wilhelm II. für dieses geschichtliche „Denkmal fester wie Erz“ und beschwor:
„Treue um Treue! Dankbar werd Ich allzeit im Herzen halten, was die Provinz für König und Vaterland gethan hat, und gern ihr Meine Landesväterliche Huld und Fürsorge gewähren. So entbiete Ich Ihr auch heute Meinen Dank und Königlichen Gruß und ersuche Sie, geehrte Herren, dies allen denen kund zu thun, die Sie entsandt haben!“
Der Name der Königin Luise, der populärsten Gestalt des Hauses Hohenzollern nach Friedrich II. bis in unsere Zeit, fiel nicht.
„Nach stolzen und ergreifenden Reden, bedeutungsschweren und symbolischen Handlungen klang das 200. Fest des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler beschaulich aus. Nachmittags um 4 Uhr unternahm der Kaiser eine Ausfahrt durch den Thiergarten, über den Kurfürstendamm bis nach Halensee und kehrte durch die bereits in Illumination begriffene Straße Unter den Linden zurück. Bei der Abendtafel speiste das Kaiserpaar allein.“ [40]
Die „Illumination“ Berlins leitete über zu den Festlichkeiten des Jubiläums der preußischen Krone am 18. Januar.
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