Gerhild Komander - Stadtführungen in Berlin und Potsdam - Vorträge Kunstgespräche

  Stadtführungen in Berlin und Potsdam - Vorträge zur Berliner Geschichte - Kunstgespräche – Gerhild Komander
31.07.2010
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Beitragsinhalt
Krönungsfeier 1901
Initiativen Wilhelms II.
Ordensfest 17.1.1901
Krönungsfest 18.1.1901
Ganz Berlin feiert
Quellen

Der Jubeltag der Krone Preußens
 

„Ganz Berlin feiert“

Die Polemik des „Vorwärts“ hatte Berechtigung.
Sie wirkt hinsichtlich der historischen Urteilsfindung vielfach als Korrektiv der emphatischen Begeisterung der bürgerlichen und der offiziellen Presse.

Daß alle Berlinerinnen und Berliner das Krönungs- und Ordensfest feierten, kann mit Sicherheit nicht behauptet werden. An der Oberfläche betrachtet sah es so aus. Wilhelm II. hatte alle ihm erreichbaren Institutionen entsprechend instruiert. Nebst Hof, Armee und Marine, Kirchen- und Schulräten erhielten die Universitäten, Akademien, technischen Hochschulen Anweisungen, angemessene Feiern zum preußischen Kronjubiläum zu veranstalten. Die Kommunalverwaltungen des Königreichs wurden auf „die staatliche Feier des 18. Januar“ aufmerksam gemacht und mit Empfehlungen für „geeignet erscheinende festliche Veranstaltungen“ bedacht.

Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ verkündete Tage vorher die Fest-Initiativen in Berlin und ganz Preußen: Der „Berliner Deutsch-konservative Wahlverein“ wolle am 18. Januar im großen Saal der Philharmonie „ein Fest-Kommers“ abhalten, zu dem eine Festrede des Archivrats Paul Bailleu zu erwarten sei. Die Berliner Jüdische Gemeinde habe in allen Gemeinde-Synagogen einen feierlichen Gottesdienst und für die Schüler der jüdischen Religionsschulen eine eigene Feierlichkeit angeordnet.


Fest-Kommers im Zoologischen Garten 

Die Turnerschaften planten einen Begrüßungsabend im Städtesaal des Kaiserkellers und am 19. Januar einen „großen Jubiläumskommers“ in den Sälen des Zoologischen Gartens, zu dem auch auswärtige Turnerschaften Vertreter schicken wollten, „so daß sämmtliche Farben des Verbandes vertreten sein werden.“
Die „Ältesten der Berliner Kaufmannschaft“ beschlossen anläßlich des Kronjubiläums aus Mitteln der Korporation eine „Hohenzollern-Jubiläums-Stiftung im Betrage von 50 000 Mark“.

Der Hauptverband der Berliner Kriegervereine fand sich am 18. Januar zu einer Erinnerungsfeier in der Brauerei am Friedrichshain zusammen, an dem sich der Lehrergesangsverein beteiligte, und die preußischen Landsmannschaften feierten im Saal Landsberger Straße 31.
Im „Schloß Schönholz“ versammelte sich die Berliner Schützengilde zu „einem großen Jubiläumsschießen“, das mit einer abendlichen „großen patriotischen Feier“ in den „Concordia-Sälen“ fortgesetzt wurde, wo unter anderem „in lebenden Bildern die Hohenzollern vorgeführt“ wurden. „Von der konservativen Fraktion und der Reichspartei“ wurde ein „gemeinschaftliches Festessen“ gemeldet, zu dem „Seehandlungspräsident a. D. Freiherr v. Zedlitz“ die Festrede hielt. [62]


120 000 Mark für die Krieger-Stiftung 

Der „Preußische Landes-Kriegerverband“ überreichte Wilhelm II. eine Stiftung, „welche von den Mitgliedern der preußischen Kriegervereine aus Anlaß der Zweihundertjahr-Feier des Königreichs Preußen gesammelt worden ist.“ Die Abordnung erhielt am 16. Januar eine Audienz beim Kaiser im Fahnensaal des Berliner Schlosses. Man legte dem obersten Kriegsherrn die stolze Summe von 120 000 Mark „zu Füßen“ und bat, „die Preußische Kriegerstiftung Wilhelm II.“ „auf Befehl“ des Kaisers gegründet wissen zu dürfen.

Zweck der Stiftung sollte die finanzielle Unterstützung von Hinterbliebenen von Kriegsteilnehmern sein. Man beabsichtigte, das Grundkapital durch einen jährlichen Betrag aufzustocken, „so daß an dem Tag jeden Jahres, welcher der Erinnerung an ein Ereigniß geweiht ist, das sowohl für Preußen wie für ganz Deutschland von größter und segenvollster Bedeutung wurde, immer mehr sorgenvollen Herzen aus der Stiftung ein freundlicher Trost gespendet werden kann.“

Auf ideale Weise verbanden sich in dieser Stiftung monarchische Loyalität und soziales bürgerliches Engagement, dessen Umfang auch den Kaiser überraschte: „Sehr sympathisch berührt“, sei er. „Denn eine Stiftung, welche bestimmt ist, Noth zu lindern und Thränen zu trocknen, ist viel besser geeignet, die Erinnerung an diesen Tag wach zu halten, als jede andere Widmung, welche Mir dargebracht worden wäre.“ [63]

Der Menschenfreund fragt sich, warum der Kaiser die Not „seiner Soldaten“ nicht linderte, überstieg doch der Betrag noch die Summe, die Wilhelm II. der Marine als „Gnadengeschenk“ zum 18. Januar hatte überweisen lassen. - Auf diese und andere Stiftungen anläßlich des Krönungsfestes hätte Bürgermeister Kirschner guten Gewissens in der Diskussion um die König-Friedrich-Stiftung in der Stadtverordnetenversammlung hinweisen können, wohl aber kaum die sozialdemokratischen Gemüter beruhigt.


Eintracht der Berliner Studenten 

Waren den Lehrstätten, den Studenten und Professoren, die Feiern zum Krönungsfest auch verordnet worden, scheint man überall mit Ernst und Eifer an eine angemessene Ausrichtung der Festlichkeiten herangegangen zu sein. Mit Begeisterung beteiligten sich die Studenten der fünf Berliner Hochschulen an der „Auffahrt“, die am 17. Januar in einem Zug von 46 Wagen, wovon dreißig die Technische Hochschule stellte, stattfand. Die Korporationen versammelten sich in Charlottenburg und am Großen Stern, von wo die Wagen in die Siegesallee eilten, wo die Studentenschaft am Denkmal Friedrichs I. einen Kranz niederlegte.

Über das Brandenburger Tor und die Linden fuhren sie zum Denkmal Kaiser Wilhelms I., über den Werderschen Markt, durch die Markgrafen- und die Mohrenstraße zum Wilhelmplatz, durch die Voß- und die Tiergartenstraße zum Zoologischen Garten, wo mit einem „Chargierten-Frühstück die patriotische Huldigung ihren Abschluß fand.“ [64]

Zu einem „Fest-Commercium“ lud die Berliner Studentenschaft in die Brauerei Friedrichshain ein. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ wies auf die integrative Wirkung der Jubiläumsfeier hin, denn „der imposante Festkommers (...) hatte zum ersten Male wieder seit Jahren alle Korporationen der alma mater vereinigt.“ [65] Der Prolog, verfaßt von dem Dichter Julius Wolff, wies „in jene Zeit, in der der Kurfürst von Alt-Brandenburg in seines Herzens Schrein den Willen trug, Preußen zu einem Königreich zu machen, der dann zeigte, wie er diesen Willen verwirklicht, und wie aus Preußens Königthum sich das Kaiserreich entwickelt.“

Als Festredner trat Professor Lenz auf, „die Brust geschmückt mit den Zeichen der auf den Schlachtfeldern des Vaterlandes errungenen Ehren“. Auch Lenz schlug den historischen Bogen der politischen Kontinuität des kurfürstlichen Brandenburg zum königlichen Preußen und kaiserlichen deutschen Reich. Aber er betrachtete es als ein Glück, daß „vor 50 Jahren“ der „Umguß“ der preußischen Königskrone zur Kaiserkrone mißlang, denn die Krone Friedrichs I. sei so „ein neuer Keil geworden, um auseinander zu treiben das morsche Gefüge der alten Reichsverfassung und uns das neue Reich entstehen zu lassen, dessen Krone nicht mehr allein das Symbol ist hohenzollernscher Machtvollkommenheit, sondern das Siegel der Einheit der deutschen Fürsten und ihres Bundes mit der ganzen Nation.“


Professor Harnack lobt die treue Pflichterfüllung 

Professor Adolf Harnack, Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität, schloß die feierlichen Reden, betonte seine „freudige Anerkennung der bei dem Feste zu Tage getretenen Einigung der Berliner Studentenschaft“ und versäumte nicht, „auf die treue Pflichterfüllung hinzuweisen, auf der die Größe des preußischen Staates sich“ gründe. [66]

Feierliche Reden und Musik bildeten den Kern der Festakte der Berliner Hochschulen und Akademien. Im Namen der Königlichen Akademie der Künste lud Hermann Ende für den 17. Januar zur mittäglichen Vorfeier in den großen Saal der Sing-Akademie ein. Der Einladung war das Programm angefügt: Der Fest-Ouverture C-Dur op. 35 von Professor Albert Dietrich folgte die Festrede Paul Seidels, Direktor des Königlichen Hohenzollernmuseums, „Andreas Schlüter als Bildhauer“ und eine Cantate für Chor, Soli und Orchester nach Worten der Heiligen Schrift, verfaßt von Professor Xaver Scharwenka. [67]

Alle an der Gestaltung der Feier Beteiligten waren Mitglieder der Akademie, auch der Kapellmeister, Joseph Joachim, der Chor und Orchester der akademischen Hochschule für Musik an diesem Tag dirigierte. Die Cantate hatte Scharwenka eigens für das Kronjubiläumsfest komponiert. [68]

Das Akademiegebäude erhielt nicht nur einen würdigen Festschmuck durch Baurat Karl von Großheim [69], die an der Fassade in einer das Portal durch vergoldete Dekoration und einem Panneau mit Adler bestand, im Inneren durch Stoffe, Gewächse, Tanne und Lorbeer sowie ornamentale Malereien Vestibule und Ausstellungsräume in eine „festliche Stimmung“ brachte, sondern barg auch eine eigens zum Kronjubiläum zusammengestellte kunsthistorische Ausstellung. „Teppiche und Möbel aus den Königlichen Schlössern schmücken die so entstandenen ruhig getönten Räume und vervollständigten den Rahmen für die ausgestellten Kunstwerke.“


Künstler für den patriotischen Zweck 

Die Ausstellung zeigte Porträts der Könige und Darstellungen wichtiger historischer Ereignisse, zu der ein Katalog herausgebracht wurde, der einem „patriotischen Zweck“ dienen sollte, indem er die ausgestellten Werke, Gemälde und Skulpturen von Schlüter, Pesne, Menzel, Rauch, Krüger, Richter, Angeli, von Werner, Skarbina und Begas, dauerhaft in Erinnerung rief. Rede und Katalog verwiesen darauf, „daß nicht eigener Verdienst Friedrichs I. den Anspruch auf das Königthum gegeben, sondern daß er nur die reife Frucht der glorreichen Herrschaft seines großen Vaters gepflückt habe.“

- Warum nur hatte nicht schon Kurfürst Friedrich Wilhelm die Krone in Preußen erstrebt und erlangt? Das Bedauern über diesen Mißklang in der brandenburgisch-preußischen Geschichte war groß, und man versuchte, sich mit den wenigstens nicht geringen kulturellen Leistungen des ersten preußischen Königs zu trösten.
Habe die Regierungsgeschichte Friedrichs I. auch „nicht gerade immer zu erhebenden Betrachtungen Veranlassung“ gegeben, „so sei das Studium des geistigen und künstlerischen Lebens an seinem Hofe um so interessanter“. [70]

Friedrich I., der Ungeliebte, der Vielgeschmähte, gab Anlaß zu den prächtigsten und umfassendsten Festlichkeiten zum preußischen Kronjubiläum seit 1701. Gefeiert wurden andere. In der Akademie war es Schlüter, der posthum stürmischen Beifall erntete. Der Festvortrag Seidels wurde gedruckt und war, wie die „Vossische Zeitung“ am 18. Januar meldete, für fünfzig Pfennige „im Handel erschienen und weiteren Kreisen zugänglich gemacht“ worden. Rede und Katalog wurden durch den Versand an Museen, Hochschulen und Akademien, Behörden und Bibliotheken über Berlin hinaus verbreitet. [71]

Die Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin und die Technische Hochschule in Charlottenburg veranstalteten ihre Festakte am 18. Januar. Die Technische Hochschule feierte in der Halle ihres Hauptgebäudes. Ein Festgesang des Berliner Lehrergesangsvereins unter der Leitung von Professor Felix Schmidt war dem Vortrag von Fritz Wolff, Rektor der Hochschule und Geheimer Baurat, vorausgegangen. Wolff sprach über: „Berlin als Stadt der Hohenzollern.“ Auch diese Rede erschien im Druck, auch hier übte sich der Vortragende in pathetischem Patriotismus und in monarchischer Loyalität. [72]


Nur Lob für Kunstliebe und Kunstförderung 

Eine Besonderheit aber liegt in seinen Worten: Wolff richtete nicht über den König, Friedrich I.! „Die Bauwerke, die Friedrich I. zur Verschönerung seiner Residenz errichtete, bilden noch heute den vornehmsten Schmuck Berlins und besitzen einen Maßstab, der sogar für die Kaiserliche Reichshauptstadt nicht zu klein ist.“ Nur Lob für Kunstliebe und Kunstförderung ist aus den vierzehn Seiten zu lesen. Wie der Staat, dessen Erhebung zum Königreich man feierlich gedachte, sei die spätere Hauptstadt Berlin aus unbedeutenden Anfängen durch die Hohenzollern zu einer blühenden Kunststadt erwachsen, zu deren Wohl jeder Hohenzollernfürst sein Teil beigetragen habe.

„Wenn heute das ganze deutsche Volk sich huldigend um den Kaiserlichen Thron schaart, wenn die ganze Nation dankerfüllt zu dem erhabenen Leiter der Geschicke des deutschen Reiches, dem Hüter des Friedens, dem Förderer der Künste und Wissenschaften emporschaut, da gehört Berlin in die erste Reihe, um seinem Kaiser das Gelübde der Treue zu erneuern, das es einst vor nahezu fünf Jahrhunderten als bescheidene Landstadt dem ersten Kurfürsten aus dem Hause Hohenzollern geleistet und vor zwei Jahrhunderten als aufblühende Residenz dem ersten Könige Preußens wiederholt hat.“
Der monarchische Blick trübte das Bild der Vergangenheit, übersah mit welch bitterem Trotz Berlin und Cölln nach der Ankunft der Hohenzollern in Brandenburg dem Druck der neuen Herren sich - zuletzt vergeblich - entgegen gestellt hatten.

Zu einem Festakt in der Aula der Friedrich-Wilhelm-Universität „in Verbindung mit der Feier des Geburtstags Seiner Majestät des Kaisers und Königs“ lud Rektor Harnack ein. Professor Kaftan betonte in seiner Festrede, daß man „kein Ehrenfest nur des Herrscherhauses, sondern ein Fest des deutschen Volkes“ begehe.


Der kräftige Hort des Protestantismus 

In seiner historischen Einleitung, in der die Krönung Friedrichs III. in Königsberg als „ein Markstein in der deutschen Geschichte“ und die Vereinigung des preußischen Ordenslandes mit den anderen brandenburgischen Territorien als „der kräftige Hort des Protestantismus“ bewertet wurde, die Haltung der Hohenzollern-Fürsten dargestellt wird, die „ihr Herrscheramt alle Zeit nichts als ein Recht, sondern als eine Pflicht ansahen“, spannt Kaftan den Boden zu jenen Männern Preußens, die „zur rechten Zeit“ den Hohenzollern zur Hand waren, und widmet sich beispielhaft dem Philosophen der Aufklärung, Immanuel Kant.

Es sei kein Zufall gewesen, daß die Kantsche Lehre vom kategorischen Imperativ im protestantischen Norden entstanden sei. Die „Erfüllung der sittlichen Pflicht“, bedingungslos dem Gebote des Gewissens zu folgen", sei „schlechthin das Fundament für alles sittliche Handeln“ und durch „keine Blüthe der Kultur, keine ästhetische Genußfreude“ zu ersetzen. Das Kaisertum der Hohenzollern habe dem Volk neue Wege gewiesen, die es auf der Grundlage des von Kant formulierten kategorischen Imperativs auch zu gehen vermöge. [73]

Wie sehr bei diesem Kronjubiläum der regierende Kaiser verehrt wurde, machen auch die feierlichen Dekorationen an den Festorten deutlich, wie das Beispiel der Königlichen Landwirtschaftlichen Hochschule zeigt, die eine Büste Wilhelms II. unter einem Baldachin aufgestellt hatte. Ein Telegramm erreichte den Kaiser von der Königsberger Universität Albertina, die ihm, „großer Erinnerungen voll, das Gelübde unwandelbarer Liebe und Treue huldigend an den Stufen des Thrones“ niederlegte. [74]


Bei aller Liebe – keine Amnestie

Doch bei allem Glanz fielen doch zwei Wermutstropfen in das Glas des Krönungsfestes. Mit großem Bedauern registrierte die Öffentlichkeit, daß dem Amnestie-Begehren keine Beachtung geschenkt worden war, das auf Anfrage der Presse vom Justizministerium „für geeignet“ erachtet worden war, einen „politisch guten Eindruck“ zu machen.

„Eine Amnestiegewährung besonders in Bezug auf Majestätsbeleidigung und andere politische Vergehen, wie Widerstand gegen die Staatsgewalt und Verletzungen der öffentlichen Ordnung“ hatte man erwartet und dem Kaiser zur Kenntnis gebracht. [75] Es fand sich „bei AllerhöchstDemselben [sic!] aber keine Geneigtheit zur weiteren Verfolgung“ derselben, stellte das Preußische Staatsministerium am 23. Januar fest.

Der „Vorwärts“ hatte am 19. des Monats, offensichtlich in Unkenntnis der ministeriellen Empfehlung, kommentiert:
„Gleichgültig wie man dem Fest entgegensah, hat man es überwunden. Nur in einem wich die Gleichgültigkeit dem Erstaunen und selbst der Erbitterung. Man hatte eine Amnestie erwartet. Man hatte gemeint, die Ratgeber der Krone würden eine weitherzige Uebung des Gnadenrechts empfehlen, so daß in manche trauernde Familie freudiges Glück getragen worden wäre. Der erwartete Gnadenakt ist völlig ausgeblieben. Zahlreiche, die diesem Tag hoffend entgegensahen, bleiben enttäuscht und tragen doppelte Last in der Sühnung ihrer etwaigen Verschuldung.“

Der Initiator der tagelangen Feierlichkeiten im Januar 1901, der lebende Adressat aller erbrachten Huldigungen, Kaiser Wilhelm II., wurde unsanft aus dem glänzenden Traum des Krönungs- und Ordensfestes herausgerissen. Er hatte Nachricht erhalten, daß der Gesundheitszustand seiner britischen Großmutter sich bedrohlich verschlechterte, und reiste in Begleitung des Herzogs von Connaught nach England, um am Sterbebett Königin Victorias zu weilen: „Die Nachrichten über das Befinden der englischen Königin müssen so bedenklich gewesen sein, daß in der Halle des Potsdamer Bahnhofs zu Berlin bereits der Hofzug für den Kaiser bereit stand.“ [76]  Die Queen verstarb am 22. Januar 1901, wie Wilhelm II. in seinen Mémoiren behauptete, in den Armen ihres kaiserlichen Enkels. [77] 

Zur Trauerfeier Victorias befahl Wilhelm II. mehrere Schiffe der kaiserlichen Marine unter Oberbefehl des Prinzen Heinrich von ihrem Kieler Stützpunkt nach Spidhead, wo am 2. Februar anläßlich der Beisetzung der Queen eine Flottenparade stattfand.183 Wilhelm II. kehrte hochdekoriert, als „Feldmarschall der britischen Armee“ nach Berlin zurück, dessen Bürger längst ihren gewohnten Lebensrhythmus wiedergefunden hatten.

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