Gerhild Komander

Stadtführungen Berlin

Paul Gerhardt 150"Geh aus mein Herz und suche Freud..."

Das Paul-Gerhardt-Stift in der Müllerstraße gibt es seit mehr als 125 Jahren. Diakonissen, Frauen im Dienst der evangelisch-lutherischen Wohlfahrt, unterhielten hier ein Krankenhaus. Aus ihrer Arbeit entwickelte sich ein modernes Gesundheitszentrum im weitesten Sinn.

 

Zwischen Türken- und Barfußstraße zieht sich über mehrere Grundstücke hinweg eine rote Backsteinfassade. Sie birgt das Paul-Gerhardt-Stift, dessen Häuser an der Müllerstraße 1888, 1898 und 1920 ihre Türen öffneten. Im Jahr 1888 zogen Pfarrer Carl Schlegel, Diakonissen und Schülerinnen in das Haus Müllerstraße 56 ein.
Carl Schlegel hatte an der St. Jacobi-Kirche in der Luisenstädtischen Oranienstraße eine private Stiftung zur Pflege von Kranken, Kindern und Alten gegründet. Vom Mutterhaus aus konnte er den Baugrund an der Weddinger Müllerstraße erwerben. Die Architekten Ernst Schwartzkopff und Heinrich Theising errichteten den Gebäudekomplex, der schließlich das lang gestreckte Diakonissenmutterhaus, die Kapelle, das Krankenhaus mit einer Isolierstation und Wohnhäuser umfaßte.

 

 Paul Gerhardt Stift Mueller


Der Namengeber des Stiftes war Paul Gerhardt (1607 - 1676). 1657 wurde er zum zweiten Diakon der Berliner Nikolaikirche gewählt. Im Konflikt zwischen den orthodoxen lutherischen Theologen und dem reformierten Kurfürsten Friedrich Wilhelm vertrat Gerhardt vehement den lutherischen Standpunkt. Der Kurfürst forderte die Lutheraner auf, ein Toleranzedikt zu unterschreiben. Als Gerhardt am 31. Januar 1666 seine Unterschrift verweigerte, verlor er seine Pfarrstelle. Bis in die Gegenwart wirken Gerhardts Kirchenlieder, die nicht mehr Bekenntnislied waren, sondern persönliche Andachts- und Erbauungslieder, die Trost spendeten in der vom Krieg und seinen Folgen gezeichneten Zeit.

 

Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gärtenzier
Und siehe wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben.

Erwähle mich zum Paradeis,
Und laß mich bis zur letzten Reis
An Leib und Seele grünen;
So will ich Dir und Deiner Ehr
Allein und sonstern Keinem mehr
Hier und dort ewig dienen.*

 

Die BewohnerInnen des Stiftes trafen an der oberen Müllerstraße auf wenige Nachbarn. Sie waren umgeben von Gärtnereien, Schankwirtschaften, Pferde- und Fuhrhändlern, Magistratsbaustellen und Holzplätzen. In den alten Siedlungshäusern lebten bis zu vier Parteien. In der Nummer 53/53 a waren es die Gasthofbesitzerin Tilg, zwei Fuhrhändler und der Marionettenspieler Schlüssel. Dicht gedrängte Quartiere gab es im Nordwesten des Wedding noch nicht. Die städtische Bebauung reichte 1888 nicht über die Seestraße hinaus.


Doch Pfarrer Schlegel hatte klug in die Zukunft investiert. Nach der Jahrhundertwende setzte sich der Wohnungsbau rasant fort, erfaßte die Seitenstraßen der Müllerstraße und erreichte die Stadtgrenze. Die Weddinger Bevölkerung wuchs in wenigen Jahrzehnten von 30 000 Menschen im Jahr 1875 auf 140 000 1900. 1914 zählte sie 251 000. Da tat soziale Fürsorge not! 1918 betreuten die 432 Schwestern des Paul-Gerhardt-Stiftes mehr als vierzig Kindergärten, betrieben Krankenstationen und gingen als Gemeindeschwestern in die Kirchengemeinden der Stadt Berlin.


Die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, führten dazu, daß immer weniger junge Frauen als Diakonissen wirkten und die Gemeindeschwesterstationen geschlossen wurden.
1987 mußte der Krankenhausbetrieb eingestellt werden. Zwei Jahre später begann ein neues Kapitel der christlichen Sozialarbeit. Das Paul Gerhardt Heim bot und bietet seit 1989 Übersiedlern aus der DDR, Spätaussiedlern aus Polen und der Sowjetunion, Kriegsflüchtlingen und Asylbewerbern ein Zuhause auf Zeit. 1991 zogen Arztpraxen in das ambulante Gesundheitszentrum im alten Krankenhausgebäude. In der Edinburger Straße 31-35 feierte das Paul-Gerhardt-Stift im Jahr 2001 erneut Richtfest.


Innerhalb des Berliner Netzwerks für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge gibt es für "traumatisierte Kriegsflüchtlinge und Asylbewerber beschützten Wohnraum, in dem sie sich von ihren traumatischen Erlebnissen erholen können und Entlastung im Alltag erfahren", das Refugium im Paul-Gerhardt-Stift.

*Erste und letzte Strophe des Liedes von Paul Gerhardt

 

Gerhild H. M. Komander

 

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