Gerhild Komander - Stadtführungen in Berlin und Potsdam - Vorträge Kunstgespräche

  Stadtführungen in Berlin und Potsdam - Vorträge zur Berliner Geschichte - Kunstgespräche – Gerhild Komander
10.09.2010
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Rezensionen - Archiv 2006  2005  2004

Bücher  Buchbesprechungen  Buchvorstellungen  Berlin-Bücher Frauen in Berlin  Frauenbewegung  Frauengeschichte  Berliner Geschichte  Die Geschichte Berlins  Berlin Geschichte  Architektur  Photographie  Kunst  Literatur 

Verfaßt von Gerhild H. M. Komander

Berlin 

Thomas Urban: Russische Schriftsteller in Berlin

Miron Mislin: Industriearchitektur in Berlin 1840 - 1910

Wolfgang Schäche und Norbert Szymanski: Das Reichssportfeld

Jüdische Ort in Berlin, herausgegeben von Ulrich Eckhardt und Andreas Nachama

Johannes Heesch und Ulrike Braun: Orte erinnern. Spuren des NS-Terrors in Berlin. Ein Wegweiser

Sven Felix Kellerhoff: Der Führerbunker
 

Antonia Meiners: Berlin 1945. Eine Chronik in Bildern

Für den Frieden
Gedenkstätten und Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Berlin
 

Hans Wilderotter: Alltag der Macht. Berlin Wilhelmstraße 

Polly Feversham und Leo Schmidt: The Berlin Wall Today

Thomas Flemming: Kein Tag der deutschen Einheit. 17. Juni 1953

Dirk Laubner und Richard Schneider: Berlin. Luftaufnahmen damals und heute. Aerial views then and now

Peter-Lutz Kindermann: Die Geschichte der Wilhelm-Hauff-Grundschule in Berlin-Wedding


Brandenburg | Brandenburg-Preußen | Preußen

Preußens Himmel breitet seine Sterne ... Festschrift für Julius H. Schoeps

Ludwig Börne. Deutscher, Jude, Demokrat, herausgegeben von Frank Stern und Maria Gierlinger

Brandenburgische Heil- und Pflegestätten in der NS-Zeit


Kunst | Architektur | Photographie 

Robert Capa Retrospektive, herausgegeben von den Berliner Festspielen und der Bibliothèque Nationale de France

Alexander Oler und David Olère: Vergeben oder Vergessen. Bilder aus der Todeszone

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Berlin 

Thomas Urban: Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre

Es waren einmal zwei „russische Jahre“ in Berlin, von Herbst 1921 bis Ende 1923. Es waren Jahre, in denen der russische Rubel mehr wert war als die deutsche Mark. Es waren merkwürdige Zeiten. Von 600 000 Russen, die in dieser Zeit ihre Heimat verließen, suchten die meisten Zuflucht in Berlin. Und selbst nach dem großen Auszug nach der Einführung der Rentenmark – zurück in die Heimat und nach Paris – blieben 180 000 EmigrantInnen zurück.

Sie lebten in Schöneberg, Wilmersdorf, Charlottenburg, die materiell besser gestellten in Tiergarten. In der russischen Kolonie war Berlin die „Stiefmutter der russischen Städte“, der Kurfürstendamm der „NEPski-Prospekt“ – in Anspielung an Lenins „Neue Ökonomische Politik“ mit der russischen Abkürzung NEP. Deutsche und Russen waren wie Wasser und Öl. Nahe kam man sich nicht. Aus den hunderttausenden Menschen greift Thomas Urban zwölf SchriftstellerInnen heraus, die sich in Berlin niederließen, berühmte und berühmt werdende.

Ihr Zuhause lag zwischen Zimmerstraße (Mitte), wo die russische Tageszeitung „Rul“ im Haus des Ullstein-Verlages Unterkunft fand, Goltzstraße, Trautenaustraße und Kirchstraße (Moabit). Die Schreibtische standen ebenso im Café Josty wie in den Cafés am Nollendorfplatz und am Prager Platz. 1923 erschienen in Berlin 39 russische Zeitschriften, es existierten 86 russische Verlage und Buchhandlungen: In Berlin wurden mehr Bücher auf Russisch veröffentlicht als in Moskau und St. Petersburg.

Thomas Urban beschreibt nicht die literarische Arbeit, sondern die Lebensumstände derer, denen sich sein Buch widmet. Die Literaten kamen nicht aus Interesse, sondern aus materieller Vorteilsnahme nach Berlin, lieber hätten sich die meisten in Paris gesehen. Doch dort wollte man sie nicht, das Pariser Leben war zu kostspielig. So blieb man in Berlin. Freundschaften mit deutschen Kolleginnen und Kollegen gab es nicht, Kontakte überhaupt wenige. -

Ernüchtert legt man das Buch nach wahrlich spannender Lektüre zur Seite: Die Größen der russischen Literatur, Ilja Ehrenburg, Maxim Gorki, Wladimir Majakowski, Alexej Tolstoi, erweisen sich zum großen Teil als unsympathische Helden, als selbstsüchtig und sozial inkompetent. Die kurzen Fortschreibungen der Lebensläufe nach den Berliner Jahren stellen den systematischen Terror und die Willkür der sowjetischen Regierung bloß. Intrigen, Kollaboration, Bespitzelung folgten den Männern und Frauen nach Berlin und drangen in die letzten Winkel ihrer Privatsphären ein. Viele der genannten Personen, Freunde und Gegner des Systems, wurden in den Schauprozessen Stalins hingerichtet. – Zum Lesen unbedingt empfohlen sei das Buch, auch um den goldigen zwanziger Jahren noch einen Zacken aus der Krone zu brechen.

Thomas Urban: Russische Schriftsteller im Berlin der zwanziger Jahre, Berlin: Nicolai 2003. 240 S. Mit 52 Schwarzweißabbildungen.

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Miron Mislin: Industriearchitektur in Berlin 1840 – 1910

Einen „geradezu unerhörten Denkmalreichtum an historischen Industrieanlagen und technischen Zweckbauten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert“ attestiert Landeskonservator Jörg Haspel der deutschen Bundeshauptstadt. Wer kennt nicht die Turbinenhalle in Moabit, die Peter Behrens für die AEG errichtete? Doch ist dieser Bau nicht einmal die Spitze des Eisberges.

Miron Mislin, seit 1987 Professor an der Technischen Universität Berlin, legt erstmals eine umfassende Untersuchung zu den Industriebauten Berlins vor. Die Industrialisierung Berlins ist selbstverständlich lange schon ein Forschungsthema, doch wurden entweder die wirtschaftlichen Aspekte betont oder das kunsthistorische Interesse befriedigt. Die Gesamtheit der Bauanlagen ist bisher nicht erfaßt wurden, so daß auch eine Typologisierung und eine Topographie nicht vorlag.

Hier schließen die langjährigen Forschungen von Miron Mislin mehr als eine Lücke, obwohl der Autor sich und seinen LeserInnen einleitend Rechenschaft ablegt über seine Auswahl der Industrieanlagen und somit deutlich macht, daß er Vollständigkeit nicht anstrebe. Vielmehr nimmt Mislin die Berliner Maschinenbauindustrie als Maßstab, sein Untersuchungsfeld abzustecken. Sie wurde zum Motor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, nachdem die bis dahin führende Textilindustrie, noch in Manufakturen mit Hausarbeit bestehend, durch die britische Konkurrenz verdrängt wurde und sich mit ihren Produktionsstätten in ländliche Gebiete zurückzog.
Den ersten Standort außerhalb der Stadtmauern begründete 1804 die Königliche Eisengießerei an der Chausseestraße. Es folgte die Firma Freund, die 1837 ihren Standort in der Mauerstraße mit dem Charlottenburger Salzufer wechselte. So grenzt Mislin seine Darstellung auf den Zeitraum von 1840 bis 1910 ein, verweist aber darauf, daß der Standort Spandau ganz ausgelassen werde.

Der Autor widmet sich im ersten Kapitel der städtebaulichen Entwicklung Berlins und der Entwicklung der Industriestandorte. Damit gibt er einen klaren Überblick, dessen Einzelheiten man sich sonst mehr oder weniger mühsam zusammen suchen müßte. Die Vermittlung von technischem Wissen, unerläßlich zur erfolgreichen Entwicklung industriellen Entwicklung der Stadt, legt Mislin vom Zeitpunkt erster Gewerbevereine über die Gründung der Bauakademie bis hin zur Gewerbeakademie dar.

Ein umfangreiches Kapitel befaßt sich mit der Entstehung der Berliner Fabriken und berücksichtigt die technologischen Voraussetzungen, die Entwicklung in den verschiedenen Industriezweigen und den Zusammenhang der frühen Industrialisierung mit der Gewerbeförderung. Typologischen Fragen stellt sich Mislin dann in mehreren Abschnitten. Große Beachtung finden entsprechend ihrer wirtschaftlichen Bedeutung die wichtigen Branchen Metall- und Maschinenbauindustrie und chemische Industrie.
Die technischen Besonderheiten der Baukonstruktion – Backsteinrohbau und Eisenkonstruktion – werden Überblicken zur Konstruktionsgeschichte in zwei Abschnitten (1800-1869 und 1870-1910) nachgestellt, die einzelnen Gebäudeelemente von den Stützen bis zum Dach eingehend untersucht.

Das Kapitel Industriearchitektur als Bauaufgabe behandelt die Entwicklung der Hallenbauten mit den Werkstoffen Glas und Eisen – hier werden die repräsentativen Bahnhofsbauten in zahlreichen zeitgenössischen Abbildungen vorgestellt -, das Verhältnis von Auftraggeber und Auftragnehmer und schließt Anmerkungen zu den Industriearchitekten und die Entwicklung des Bau- und Gewerberechts ein. Eine Art Zusammenfassung stellt das letzte Kapitel dar: Architekturästhetik und Stilbildung.
Mislin zeichnet die Entwicklungslinie der allgemeinen Architekturgeschichte in wenigen Sätzen nach und konstatiert die Aufgabe „der barocken Raumauffassung von perspektivischen Gebäudegruppen als städtebaulichem Ensemble“.
An ihre Stelle tritt mit dem Klassizismus das einzelne Kunstwerk stärker hervor: Ein Architekturverständnis, wie es in Berlin seit Schinkels Neuem Packhof (1832) und der Bauakademie vertraut ist. Gerade die Bauakademie gilt in ihrer konstruktiv-funktionalen Gestalt als Vorbild der in den folgenden Jahrzehnten in Berlin entstehenden Gewerbe- und Verwaltungsbauten.

Der 130 Seiten umfassende Katalog mit den Industriebauten aus Charlottenburg, Kreuzberg, Mitte, Reinickendorf, Tiergarten und dem Wedding stellt 38 Industriebetriebe vor. Mislin gibt zu jedem Gelände einen Lageplan an und erläutert die Lage des Grundstücks. Er zählt die Eigentümer und die an der Planung und Ausführung Beteiligten auf. Es folgen eine Bau- und Nutzungsgeschichte, eine Baubeschreibung und eine architektonische Einordnung, in der Vergleichsbeispiele herangezogen sowie Vorbilder und Hinweise aus der zeitgenössischen Literatur erläutert werden.

Beispielhaft sei die Maschinenbauanstalt und Gießerei von August Borsig in der Chausseestraße 1 genannt. Das von Borsig erworbene Grundstück besaß 1937 eine Grundfläche von 19 250 qm, 1945 von 372 000 qm. Mislin stellt alle 19 Gebäude, die im Verlauf von 37 Jahren errichtet wurden, ausführlich dar: von der ersten Gießerei mit Werkstätten (1837) über die neue Kesselschmiede (1844), die Lokomotivhalle mit Wasserturm und Magazin (1856) bis hin zum Verwaltungsgebäude mit den Arkaden (1858 ff.) und dem Räderwerk (1872).
Alle Namen derer, die an Planung und Ausführung beteiligt waren, werden genannt und den Bauphasen zugeordnet: August Borsig für die Jahre 1836-40, C. P. Atzpodien, Jung, A. Karchow, H. Müller, A. W. Pardow, O. Sauerteig, F. Schilling, L. Siegel, J. H. Strack.

Über die Baumeister, Architekten, Maurermeister und Zimmermeister erfährt man dann im Verzeichnis der Architekten etc. mehr. Nur, und das verwundert doch sehr, niemals ihre Vornamen. Mancher Vorname wird aus den Akten nicht hervorgegangen sein. Im Falle Strack und anderer ist das nicht möglich. Dieser scheint der einzige Makel an dem umfangreichen Werk von Miron Mislin, dessen überzeugende Gliederung auch Neulingen auf dem Gebiet der Industriegeschichte Berlins den Einstieg in das Thema ermöglicht.

Miron Mislin: Industriearchitektur in Berlin 1840 – 1910, Tübingen und Berlin: Ernst Wasmuth Verlag 2003. 458 S. Mit 283 Schwarzweißabbildungen im Text, zwölf Farbtafeln und 258 Schwarzweißabbildungen im Katalog sowie zahlreichen Lageplänen. Anhang mit Katalog, Verzeichnis der Architekten, Baumeister, Ingenieure, Maurer- und Zimmermeister, Bauunternehmer, Baugeschäfte, Bauausführung und –konstruktion, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie einem Register zu Personen, Firmen und Sachworten.

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Wolfgang Schäche und Norbert Szymanski: Das Reichssportfeld. Architektur im Spannungsfeld von Sport und Macht

Die Architekten und Bauhistoriker Schäche und Szymanski bezeichnen die Sportstätte, die heute - verkürzt - als Olympiastadion Berlin bekannt ist, als einen historischen Ort, an dem sich wie an kaum einem anderen „die Verknüpfung von Politik und Architektur“ manifestiere.

Die Geschichte des Ortes beginnt mit der Rennbahn Grunewald und dem Deutschen Stadion und endet mit den aktuellen Planungen zur Neugestaltung und Sanierung. Dazwischen liegen die Olympischen Spiele 1936 und die „Höhepunkte der politischen Instrumentalisierung“ unter der Regierung der Nationalsozialisten. Als entwerfender Architekt wird der aus alteingesessener Berliner Familie stammende Werner March herausgestellt (Vgl. Birgit Jochens und Doris Hünert: Von Tonwaren zum Olympiastadion. Die Berliner Familie March ... eine Erfolgsstory, Berlin 2000; Rezension in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 97, 2001, Heft 3, S. 246).

Architekturgeschichtlich und historisch besonders interessant ist, wie die Autoren Marchs Verhältnis zur Einflußnahme Adolf Hitlers auf die Gestaltung des Reichssportfeldes und damit zur zeitgenössisch „modernen“ Architektur darstellen.

Aus der Fülle der bearbeiteten Schriftquellen und der historischen Fotografien entsteht ein komplexes Bild der beeindruckenden Sportanlage und knapp hundert Jahren Zeitgeschichte, das sich sehr gut, zeitweise spannend lesen läßt.

Wolfgang Schäche und Norbert Szymanski: Das Reichssportfeld. Architektur im Spannungsfeld von Sport und Macht, Berlin: be.bra Verlag 2001, 176 S. Mit 159 Schwarzweißabbildungen und 32 Karten und Plänen, einem Anhang mit Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Personenregister.

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Jüdische Orte in Berlin, herausgegeben von Ulrich Eckhardt und Andreas Nachama

In 29 Kapiteln nennen die Autoren mehr als achthundert Orte jüdischen Lebens in Berlin. Die Geschichte dieser vergangenen und gegenwärtigen Stätten wird in Stadtrundgängen vorgestellt, ausgehend von der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße, denn hier, so heißt es in dem Buch, „geschah am 7. Mai 1995 das lange Zeit Unvorstellbare: Im Mittelpunkt einer wieder wachsenden jüdischen Gemeinde Berlins wurde die Neue Synagoge als Heimstatt für das Centrum Judaicum zum zweiten Mal eingeweiht.“

Die Ausführlichkeit in der Wahl der Orte ist überraschend. Wer die Topographie der Mitte Berlins kennt, findet viel Vertrautes und viele Hinweise auf Verborgenes, etwa die Gedenktafel für den Bankier und Kaufmann James Simon im Eingangsbereich des Stadtbades Mitte, das Simon als Volksbad gründete. „Rund um die Charité“ erfahren wir vom Wirkungsort des Gynäkologen Benno Hallauer am Schiffbauerdamm, von der Wohnung in der Albrechtstraße, in der Victor Klemperer seine Kindheit verbrachte, vom Regisseur und Dramatiker Adolphe L’Arronge, der 1838 an der Eröffnung des Deutschen Theaters beteiligt war, und von Rahel Hirsch, der ersten preußischen Professorin für Medizin.
Weiter führen die Spaziergänge durch nahezu alle Stadtteile von Berlin, in den Wedding, nach Kreuzberg und auf den Kurfürstendamm bis nach Treptow zur Archenhold-Sternwarte, wo Friedrich Simon Archenhold bis 1931 wirkte. Er starb 1939, „geächtet, enttäuscht und verbittert.“

Heute sei Berlin keine Stadt mehr, die eine durch ihre jüdische Herkunft geprägte Bevölkerungsgruppe mit maßgeblichem Einfluß auf das Kultur- und Wirtschaftsleben hätte, schreiben die Herausgeber in ihrem Wort. Dieses Buch aber wird all denjenigen, die sich für diese herausragende Facette Berliner Geschichte interessieren, auf ihrer Entdeckungsreise begleiten.

Jüdische Orte in Berlin, herausgegeben von Ulrich Eckhardt und Andreas Nachama, Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung 2005. 320 S. Mit 52 Schwarzweißabbildungen und einem Anhang zu jüdischem Leben und jüdischer Kultur in Berlin, Straßen- und Personenregister sowie einer herausnehmbaren Karte jüdische Orte.

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Sven Felix Kellerhoff: Mythos Führerbunker. Hitlers letzter Unterschlupf

Haben wir ihn nicht alle gerade gesehen, den Führerbunker an der Wilhelmstraße? Natürlich nicht, es war eine Filmkulisse für den Film „Der Untergang“. Der Führerbunker wurde 1988 großenteils beseitigt. Dennoch spukt dieser Bau in so vielen Köpfen herum, daß er zum Mythos werden konnte.
Der Autor nahm sich vor, so weit wie möglich zu den Fakten vorzudringen. Er legt die erste ausführliche Darstellung des Baus und der letzten 105 Tage Adolf Hitlers vor. Die Darstellung gründet sich auf Akten der Reichskanzlei im Bundesarchiv Berlin, des Ministeriums für Staatssicherheit im Archiv der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen und die Sammlung des Berliner Künstlers Erhard Schreier, der während der Demontage des Bunkers 1988 Zeichnungen auf dem Gelände anfertigte.

Die genannten Quellen wurden bislang nicht systematisch ausgewertet. Das geschieht nun zum ersten Mal. Sven Felix Kellerhoff legt die Gründe dar, die zum Bau der Bunkeranlagen führte, und beschreibt die Lage, veranschaulicht durch Pläne und Photographien, inmitten der heutigen Gebäude zwischen Wilhelm- und Voßstraße. Über die innere Ausstattung des Bunkers liegen unter anderem die Beschreibungen von Traudl Junge vor.
Kellerhoff zitiert sie oder faßt sie sachlich zusammen. Der Mythos wird – wie in den anderen Kapiteln des Buches – nach und nach entkleidet, bis nichts als der historische Ort übrig bleibt. Spekulationen werden fortan keine Grundlage mehr haben. Die Beschreibung der Ereignisse der letzten 105 Tage an diesem Ort, vom Autor mit dem Titel „Das Drama“ versehen, lassen - kurz und knapp verfaßt – den Wandel Adolf Hitlers vom „Führer“ zum Verunsicherten deutlich werden.
Eine Antwort auf alle Fragen findet Kellerhoff nicht. Sein Verdienst und damit der Wert des Buches besteht darin, daß er alle relevanten überlieferten Darstellungen aneinanderfügt, die irrelevanten im Vorfeld aussortiert hat.

Am Ende bleibt die Frage: Was wird aus diesem Ort? Die Bebauungspläne stehen fest. Quer über das Gelände zwischen Ebert- und Wilhelmstraße verlaufen die Gertrud-Kolmar- und die Cora-Berliner-Straße und werden die schon bestehenden Bauten zum Block schließen. Unklar ist, ob das Areal über dem einstigen Führerbunker ein Parkplatz bleibt.

Sven Felix Kellerhoff: Mythos Führerbunker. Hitlers letzter Unterschlupf, Berlin: Giebel Verlag 2003. 116 S. Mit 40 Abbildungen und einem Quellen- und Literaturverzeichnis.

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Antonia Meiners: Berlin 1945. Eine Chronik in Bildern

Bombenkrieg, Kapitulation, Besatzung, Neubeginn, das waren die Stationen des Jahres 1945 für die Menschen in Berlin und im gesamten Deutschen Reich. Antonia Meiners wählte zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes 75 Photographien aus und verband sie mit kurzen Bildkommentaren und Textauszügen aus älteren Buchveröffentlichungen.
Die Zeitabschnitte werden durch eine entsprechende Chronologie eingeleitet, dem ganzen Buch eine knappe Einführung vorangestellt. Vor allem Zahlen, der Toten, der Zerstörung von Wohnraum, Brücken, Schulräumen, nennt die Autorin hier und hebt den Willen zum Neubeginn sowohl der sowjetischen Besatzungsmacht als auch der Berliner Bevölkerung hervor. Die Bilder sprechen für sich. Vom Feuer glühende Hauswände, hilfloser Panzersperrenbau mit zerstörten Straßenbahnwagen, Dutzende leerer Kinderwagen vor dem Eingang des Luftschutzbunkers, das war Berlin im Frühling 1945.

Nicht immer passen Abbildung und Kommentar wirklich zusammen, die Textauszüge geraten zu kurz, um in die psychische Verfassung der Bevölkerung blicken zu lassen. Doch gerade weil der Zweite Weltkrieg schon so lange vorbei ist, sind auf den schnellen Blick die Bilder wohl auch wichtiger, weil sie eindringlicher wirken. Die Kürze der Texte fällt besonders deutlich auf, wenn nach dem Photo des Jungen, der nach einer Bleibe, etwas Eßbarem und seinen Eltern sucht, zwei Seiten weiter junge Frauen offensichtlich vergnügt für einen Augenblick den Sommer im Café am Kurfürstendamm genießen. Wie sollen Unbedarfte dieses Nebeneinander nachvollziehen können?
Eindruckvoller und nachvollziehbar erscheinen die Abbildungen, die Unmengen von sauber gestapelten Ziegeln, gereinigt vom Mörtel durch Tausende Frauenhände zeigen, den kahl geschlagenen Tiergarten, seine Blöße milde durch Schnee bedeckt. Schade, denkt manche(r) vielleicht, daß nicht mehr jedes Kind eine Großmutter oder einen Großvater hat, die aus diesen Tagen erzählt. Dann würden die Bilder lebendig.

Antonia Meiners: Berlin 1945. Eine Chronik in Bildern, Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung 2005. 128 S. Mit 75 Schwarzweißabbildungen.

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Johannes Heesch und Ulrike Braun: Orte erinnern. Spuren des NS-Terrors in Berlin. Ein Wegweiser

Ein Führer zu den Stätten des nationalsozialistischen Terrors. Die Auswahl der Orte folgt keinem Konzept, sondern einer ganz persönlichen Auswahl, betont der Herausgeber des Buches, Günter Braun. So ist mit dem Buch in der Hand auch schwerlich ein „Stadtrundgang“ zu machen, denn es ist eben keine topographische Wahl. Johannes Heesch und Ulrike Braun beschreiben die „primären“ Orte der menschenfeindlichen Regierung der Nationalsozialisten, das Kammergericht Berlin in der Schöneberger Elßholtzstraße, das Haus der Wannseekonferenz, die Gedenkstätte Plötzensee. Die „Topographie des Terrors“ gehört auch dazu, vereint sie doch unter ihrem Namen die Orte der Hauptgebäude der nationalsozialistischen Diktatur an der Wilhelmstraße, die mit dem Abriß der Geschichte nach Kriegsende erst durch bürgerliche Initiativen dem Vergessen entrissen wurden.

Der Volksgerichtshof muß fehlen, weil sich an diese Stätte – heute etwa eingenommen vom Sonycenter am Potsdamer Platz – niemand erinnern wollte. Stätten jüdischen Lebens, Synagogen, Wohlfahrtseinrichtungen, das Bayerische Viertel, die Bahnhöfe Grunewald und Putlitzstraße wurden in das Buch aufgenommen. Immer wieder stehen bekannte und wenig bekannte Orte nebeneinander. Einen großen Teil der erinnerten Orte nehmen die Gedenkstätten ein: Das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt in der Rosenthaler Straße, unmittelbar am Hackeschen Markt, ganz in der Nähe das Denkmal zum Frauenprotest in der Rosenstraße von der Berliner Künstlerin Ingeborg Hunziger. Wie letzteres eine Freiraum-Installation ist „The Missing House“ von Christian Boltanski den Bewohnerinnen und Bewohnern eines zerbombten Hauses gewidmet.

Der Gebrauch des Buches im handlichen Format sei den Lehrerinnen und Lehrern empfohlen, die die vielen Berlin besuchenden Schulklassen durch die Bundeshauptstadt führen. In den mittleren und kleinen Städten Deutschlands gab es die Vielfalt jüdischen Lebens nicht, wie sie in Berlin existierte. Deshalb können auch die Lücken durch dessen Vernichtung nicht in der gleichen Weise deutlich werden. Und vielen Begleitern fehlt es an Wissen und Material, um durch die topographische Methode Geschichte erfahrbar zu machen. Lehrenden und alle historisch Interessierten bietet dieser Wegweiser komprimiertes Wissen. Wer mehr erfahren möchte, kann zusätzlich auf die Standardwerke von Ulrich Eckhardt und Andreas Nachama (1996), Stefanie Endlich (1999) und andere zurückgreifen.

Johannes Heesch und Ulrike Braun: Orte erinnern. Spuren des NS-Terrors in Berlin. Ein Wegweiser, hg. von Günter Braun, mit Fotografien von Erik-Jan Ouwerkerk, Berlin: Nicolai 2003. 236 S. Mit 47 Abbildungen, zwei Plänen mit einer Legende und einem Anhang mit Quellen- und Literaturverzeichnis.

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Für den Frieden
Gedenkstätten und Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Berlin

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. - Landesverband Berlin bestand im Jahr 2000 fünfzig Jahre. Aus diesem Anlaß dokumentiert er seine Arbeit in Berlin. Arbeit für den Frieden und Pflege der Gedenkstätten, die in großem Ausmaß Verständnis und Versöhnung einst verfeindeter Völker in Europa bewirkten. Die Autoren Thomas Gliem und Thomas Peter Petersen stellen einleitend die Arbeit des Volksbundes und die Geschichte des Volkstrauertages vor. Ingolf Wernicke und Mitarbeiter erörtern die Entwicklung des Berliner Landesverbandes seit 1950.

Der größere Teil des Buches ist den Gedenkstätten, Denk- und Ehrenmalen (Autorin Stefanie Endlich) und den Gräbern der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Berlin (Autoren Hans Georg Büchner und Mitarbeiter) gewidmet. Deutlich formuliert Endlich ihre Kritik an der Berliner Gedenkkultur, die Ergänzung und Neuinterpretation bestehender Ehrenmale durch nachfolgende Generationen. Als Ergebnis der schwierigen und konfliktreichen Denkmalsdiskussionen der achtziger und neunziger Jahre stellt sie fest, daß Denkmale allein die Auseinandersetzung mit den Strukturen, Ursachen und Wirkungsweisen der Gewaltregime nicht leisten können, daß hier die zentrale Aufgabe von Gedenkstätten und Dokumentationszentren liege. Gerade in diesem Sinne ist die "Festschrift" des Landesverbandes mit ihrem sachlichen und immer kritischen Blick überaus lesenswert und wird ein wichtiger Bestandteil der Berlin-Literatur werden.

Für den Frieden. Gedenkstätten und Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Berlin, herausgegeben vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. - Landesverband Berlin in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung von Berlin, Berlin: Jaron Verlag 2000. 112 S. Mit 13 Schwarzweiß- und 49 Farbabbildungen, einem Plan der Friedhöfe und einem Verzeichnis der Friedhöfe nach Bezirken.

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Hans Wilderotter: Alltag der Macht. Berlin Wilhelmstraße

Die Wilhelmstraße in Berlin gehört zu den bekanntesten Straßen Berlins. Seit den Tagen, als die Denkmäler friderizianischer Generäle auf dem Wilhelmplatz Aufstellung fanden, bis in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs und den Sommer 1945 war sie in aller Munde. Mit der Zerstörung der Gebäude während des Krieges und danach und der Umbenennung in Otto-Grotewohl-Straße des Abschnittes im Ostberliner Bezirk Mitte erlosch die Erinnerung an die bedeutsame Geschichte der Wilhelmstraße in der Öffentlichkeit. In dem Westberlin verbliebenen Teil der Wilhelmstraße kehrte Friedhofruhe ein. Mit der deutschen Wiedervereinigung kam die Rückbenennung und ihr folgte das Interesse des historisch interessierten Publikums auf dem Fuße.

Wilderotter stellt in seiner Arbeit die Straße mit ihren Gebäuden in den umfangreichen Kontext politischer Persönlichkeiten und Ereignisse, erörtert die Mechanismen der Machtpolitik, wie sie sich an wenigen anderen Orten derart eindringlich und komprimiert darstellen lassen. „Politische Symbolik“, „Symbolische Politik“ und „Die regierende Bürokratieu überschreibt der Autor die drei Kapitel des Buches, in dem er der Frage nachgeht, „mit welchen symbolpolitischen Strategien Politiker und Beamte“ die Gebäude ihrer Behörde zur Darstellung der Macht derselben nutzten und welche Rückschlüsse auf das Selbstverständnis dieser Politiker und Beamten daraus zu ziehen sei.

Obwohl ein umfangreicher Anmerkungsteil vorhanden ist, werden die vielen Quellenzitate bedauerlicherweise nicht belegt. Auf gut hundert Seiten erläutert der Autor die Stadtpläne zur Wilhelmstraße von 1867 bis 1939 und stellt die Monographien der Gebäude zu einer Topographie der Wilhelmstraße zusammen.

Hans Wilderotter: Alltag der Macht. Berlin Wilhelmstraße, Berlin: Jovis Verlag 1998. 349 S. 155 Schwarzweißabbildungen. 

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Polly Feversham und Leo Schmidt: The Berlin Wall Today

Zweisprachig stellen die Autoren eines der berühmtesten Bauwerke der Welt, die Berliner Mauer, vor. Die einleitende Entstehungsgeschichte der Mauer ist bekannt. Das folgende Kapitel des Buches untersucht die Mauer als Bauwerk in Verlauf, Entwicklung, ihrem zentralem Abschnitt vom Checkpoint Charlie zum Brandenburger Tor und die Erhaltungsprobleme.

Besonders interessant lesen sich die Abschnitte „Die Wahrnehmung der Mauer“, in denen die Sicht der Erbauer, die Grenztruppen, die Flüchtlinge und „der Zwiespalt in der Wahrnehmung zwischen Ost und West“ betrachtet werden. Während es auf der „westlichen“ Seite der Mauer gestattet war, die „Mauer physisch zu begreifen“, da man sich ihr nähern durfte, sie überqueren und sogar bemalen durfte, stellte sich dieselbe Mauer den Ost-Berlinern als unüberwindliche Grenze dar. Auf den Stadtplänen von „Berlin Hauptstadt der DDR“ fehlten ganz einfach die Westberliner Stadtbezirke.

Ein wichtiger Beitrag diskutiert anhand philosophischer Betrachtung und Stellungnahmen von Zeitzeugen die „Denkmalwerte“ der Mauer: Erinnerung und Vergessen, Architektur und städtische Infrastruktur als bevorzugte Träger kollektiver Erinnerung sind die Stichworte, mit denen die Autoren den Denkmalwert der Mauer als historischem Ort mit anderen Berliner Erinnerungsorten, zum Beispiel der Topographie des Terrors, in Beziehung setzen. In ihrer Schlußbetrachtung sprechen sich die Autoren für das materielle Überleben der geringen Reste der Berliner Mauer und anderer Denkzeichen aus, ein Plädoyer für die Erinnerung, gehalten aus der Überzeugung, daß die Geschichte und die Bedeutung der Berliner Mauer ein wesentlicher Bestandteil unseres historischen Interesses und historischen Bewußtseins sein muß.

Polly Feversham und Leo Schmidt: The Berlin Wall Today, Berlin: Verlag Bauwesen 1999. 192 S. Mit 96 Schwarzweiß- und 17 Farbabbildungen und Literaturverzeichnis. 

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Thomas Flemming: Kein Tag der deutschen Einheit. 17. Juni 1953

Vergeblich, aber nicht vergessen: Der 17. Juni 1953 - einst Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland. Als bundesdeutsche Politiker diesen Tag zum Nationalfeiertag erhoben, ignorierten sie seinen Ursprung, die spontanen Arbeitsniederlegungen, mit denen Ostberliner Arbeiter gegen die Normerhöhungen protestierten, die ihnen drei Wochen zuvor auferlegt worden waren. Als Tag der deutschen Einheit blieb der 17. Juni bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten bestehen. Doch hatten nationale Aspekte für die streikenden Arbeiter anfänglich keine Rolle gespielt.

Thomas Flemming, der sich bereits eingehend mit der Berliner Mauer als politischem Bauwerk befasst hat, legt in diesem Buch ausführlich die Hintergründe des 17. Juni 1953 dar. Mehr Arbeit für weniger Lohn, Rationalisierung und Produktivitätssteigerung, dagegen wehrten sich die Arbeiter, die zunächst in Berlin, dann in mehr als 500 Städten und Gemeinden auf die Straße gingen. Selbstbewusst brachten sie ihre Forderungen nach Rücknahme der Normerhöhung vor. Dann erhoben sich die Arbeiter gegen die Arbeiterregierung, forderten freie Wahlen und Freiheit.

Die SED sprach von „imperialistischen Kriegstreibern“ und „faschistischer Provokation“, schließlich konnten sich - nach ihrer Vorstellung - Arbeiter nicht gegen Arbeiter erheben. Sie taten es aber doch, wurden jedoch alsbald durch sowjetisches Militär in die Knie gezwungen. Was blieb, ist die Straße des 17. Juni im Westen Berins, die vom Brandenburger Tor, dem Ziel der demonstrierenden Arbeiter Ost-Berlins, über die Siegessäule am Großen Stern zum Ernst-Reuter-Platz führt, und die Erinnerung.
Der Autor stellt die Zentren des Aufstands in der DDR dar, das Verhalten der Westberliner Regierung und die Nachrichten des RIAS an die Ostzone, die Reaktionen der bundesdeutschen Regierung und der Westmächte. Damit entsteht ein komplexes Bild der Ereignisse und Hintergründe sowie der Wirkung des 17. Juni 1953, wie er so kompakt und anschaulich selten zu lesen ist.

Thomas Flemming: Kein Tag der deutschen Einheit. 17. Juni 1953, Berlin: be.bra 2003. 168 S. Mit 46 Schwarzweißabbildungen, Literatur- und Personenverzeichnis.

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Dirk Laubner und Richard Schneider: Berlin. Luftaufnahmen damals und heute. Aerial views then and now

Das Buch hat den Anspruch durch Gegenüberstellung von Luftaufnahmen aus verschiedenen Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts zu Luftaufnahmen mit jeweils derselben Perspektive aus dem Jahr 2002, sowohl die in der Vergangenheit erlittenen Verluste an städtebaulicher Struktur als auch die Anstrengungen aufzuzeigen, die diese Wunden schließen und die deutsche Hauptstadt wieder als Ganzes erscheinen lassen sollen.

In fast fünfzig Vergleichen mit etwa einhundert Luftaufnahmen, die sich auf Gebäude und deren Umgebung in überwiegend zentralen Bezirken Berlins wie Mitte, Tiergarten und Charlottenburg beziehen, sollen Unterschiede von damals zu heute aufgezeigt werden. Jedes Foto wird dabei durch eine kurze Textinformation betreffs des Bildinhalts sowie historischer oder architektonischer Gegebenheiten ergänzt. Die Luftaufnahmen sind von guter Qualität und ermöglichen somit gute Vergleichbarkeit.

Alle Texte sind sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache verfasst. Der Fotoschau ist ein Vorwort vorangestellt, das in sehr großen Schritten die historisch architektonischen Entwicklungen Berlins vom 18. bis 21. Jahrhundert skizziert. Der Prolog kann somit lediglich als Erstinformation beziehungsweise Anreiz verstanden werden, sich in weiterführender Literatur intensiver über die historischen, sozialen, politischen sowie architektonischen Ereignisse und Zusammenhänge intensiver zu informieren.

Für die aufgeführten Zitate gibt es keine Quellenhinweise, ein Personenregister sowie Hinweise zu weiterführender Literatur liegen nicht vor. Letztendlich fehlt, gerade für Leser denen die räumlichen Gegebenheiten Berlins nicht bekannt sind, ein beigefügter Stadtplan (historisch / neu), der durch entsprechende Kennzeichnungen einen Bezug zu den Fotos herstellte, und damit so eine genaue Einordnung des jeweiligen Standorts sowie eine bessere räumliche Orientierung innerhalb des Stadtgefüges ermöglichte.

Dirk Laubner und Richard Schneider: Berlin. Luftaufnahmen damals und heute. Aerial views then and now, Berlin: Nicolai Verlag 2003. 108 S. Mit 92 Schwarzweißabbildungen.

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Peter-Lutz Kindermann: Die Geschichte der Wilhelm-Hauff-Grundschule in Berlin-Wedding

Schulgeschichte ist Stadtgeschichte. Aus den Kellern des Schulhauses an der Prinzenallee, aus dem Bestand des Heimatmuseums Wedding, des Hochbauamtes Wedding und des Landesarchivs Berlin hat Kindermann Quellen zur Geschichte des Schulgebäudes und der Lehrstätte selbst zusammengetragen und ausgewertet. Geschichtlich reicht seine Darstellung bis zu dem bronzezeitlichen Friedhof zurück, der 1842 entdeckt und von Ernst Friedel 1875 in "Der Bär" beschrieben wurde. 1892 kaufte die Stadt Berlin die Grundstücke für den Schulneubau in der Stettiner Straße an, in den 1895 die 208. und 211. Gemeindeschule einzogen.

Die Geschichte der heutigen Wilhelm-Hauff-Grundchule endet - vorerst - mit der Hundertjahrfeier des Schulhauses in der Gotenburger Straße und der Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau an der Prinzenallee am 13. Juni 1997. Dazwischen liegen viele Jahre, viele Jahrgänge an ehemaligen Schülern. Was wohl aus denen geworden sein mag? Kindermann lässt vier Schüler des Jahrgangs 1925 erzählen, wie es in ihrer Schulzeit zuging. Und das ist amüsant und eindrucksvoll.

Passend zum Arbeiterbezirk Wedding waren die meisten Lehrer Sozialdemokraten. Ein weiteres Kapitel berichtet vom Neubeginn des Schulbetriebes nach der Kapitulation des Deutschen Reiches. Atlanten, die die alten Grenzen zeigten, wurden aussortiert, die Lehrfächer streng reglementiert, Erdkunde und Geschichte fehlten zunächst. Das ist alles sehr aufregend zu lesen, nicht nur für die jüngere Generation, sondern auch für die Zeitzeugen der älteren Generation, die an ihren Schulen Ähnliches erlebt haben müssen.

Peter-Lutz Kindermann: Die Geschichte der Wilhelm-Hauff-Grundschule in Berlin-Wedding, Berlin: Selbstverlag 1997. 168 S. 32 Schwarzweißabbildungen, Anhang mit Quellenabschriften, Sach- und Personenregister.

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Brandenburg | Brandenburg-Preußen | Preußen

Preußens Himmel breitet seine Sterne ... Festschrift für Julius H. Schoeps, herausgegegeben von Willi Jasper und Joachim H. Knoll

Julius H. Schoeps ist seit 1992 Professor für Neuere Geschichte - mit dem Schwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte - und Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums an der Universität Potsdam. Seine umfangreichen Forschungsinteressen und weitgespannte Neugier würdigen zum 60. Geburtstag 53 namhafte deutsche und internationale Autorinnen und Autoren in ebenso vielen Aufsätzen. Die Themen entsprechen den Interessensgebieten des Jubilars.
Die Aufsätze des zweibändigen Werkes gliedern sich in acht Abschnitte: I. Zur Lage der Zeit, II. Zur Geschichte Preußens, III. Zum Verhältnis von Aufklärung und Judentum, IV. Zur Geschichte des deutschen Judentums im 19. und 20. Jahrhundert, V. Zu Antisemitismus, jüdischem Abwehrkampf und deutscher Befindlichkeit, VI. Zum jüdischen Selbstverständnis im europäischen Zusammenhang, VII. Zur Geistes- und Zeitgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, VIII. Zur Biographie (von Julius H. Schoeps).

Da ist zunächst Preußen, ein Feld, das der Vater von Julius H. Schoeps, Hans-Joachim Schoeps (Preußen. Geschichte eines Staates, 1966), über Jahrzehnte bearbeitete. Hier kommt zuerst eine Preußin par excellence zu Wort: Marion Gräfin Dönhoff betrachtet Preußen vom Aufstieg des Landes unter dem Großen Kurfürsten bis zu seinem Niedergang im 20. Jahrhundert.
„In mancher Hinsicht sind gerade die Eigenschaften, die den preußischen Staat aus kargen, provinziellen Anfängen langsam und stetig zu Glanz und Größe in Europa aufstiegen ließen, diejenigen gewesen, die ihn schließlich so unbeliebt gemacht haben. Loyalität dem Herrscher gegenüber, bescheidene Lebensansprüche, äußerste Disziplin und Opferbereitschaft waren das Kapital, mit dem eine Reihe von genialen Regierungschefs diesem Staat zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert einen Aufstieg ohnegleichen ermöglicht hatten.“

Doch, so resümiert Dönhoff, wurden „dieselben Eigenschaften“ unter Wilhelm II. „zum Schrecken Europas. Das Instrument einer autoritätsgläubigen und darum kritiklosen Beamtenschaft, eines an integre Führung gewöhnten und darum gedankenlos gehorchenden Offizierskorps wurde im Zeichen dieser Großmannssucht pervertiert, ohne daß jene es merkten.“

Dem „Preußen“ Ernst von Salomon (1902-1972), 1922 am Attentat auf den Außenminister Walther Rathenau beteiligt, widmet sich Jost Hermand und diskutiert sowohl den politischen Schriftsteller („Die Geächteten, 1931, „Der Fragebogen“ 1951, „Roman aus Preußens galanter Zeit – Die schöne Wilhelmine“, 1965) als auch dessen Beachtung beziehungsweise Nichtbeachtung in der Bundesrepublik Deutschland als bekennenden „Preußen“.

Zum dritten Abschnitt des Buches „Zum Verhältnis von Aufklärung und Judentum“ trägt Dominique Bourel den Aufsatz „Zur Mendelssohn Legende in Frankreich“ bei, Willi Jasper den Text „Lessing und Mendelssohn – Ein Briefwechsel der Freundschaft“ –, um nur die unmittelbar die Berliner Geschichte betreffenden Themen zu nennen.
Die Aufmerksamkeit des lesenden Publikums verdienen selbstverständlich auch die anderen Aufsätze. Hervorgehoben sei der Beitrag von Marianne Awerbusch „Vor der Aufklärung: Die „Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln“ – ein jüdisches Frauenleben am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts“. Glückel von Hameln (1646-1724) begegnen wir auch in den Ausstellungsräumen des Jüdischen Museums Berlin.

Den Aufsätzen im vierten Teil der Festschrift „Zur Geschichte des deutschen Judentums im 19. und 20. Jahrhundert“ lassen sich vielfältige Anregungen für die Berliner Geschichte entnehmen. Trudis Goldsmith-Reber berichtet über die Berliner Lyrikerin Gertrud Kolmar (1894-1943), die ihre letzten Lebensjahre im Bayerischen Viertel und in einer der Rüstungsfabriken in Charlottenburg verbrachte und ihr Verhältnis zur Dichtung des russischen Lyrikers Chaim Nachman Bialiks (1873-1934). Unter dem Druck der zunehmenden Menschenfeindlichkeit unter der nationalsozialistischen Regierung und der Dehumanisierung der deutschen Sprache erlernte Gertrud Kolmar ihre Vätersprache Hebräisch, übertrug Gedichte Bialiks in die deutsche Sprache und begann selbst in der hebräischen zu dichten.

Mit der Frage nach Bildern des deutsch-jüdischen Films beschäftigt sich Frank Stern. Die deutschsprachige Filmgemeinschaft vor 1933, so Stern, kannte eine deutsch-jüdische Differenzierung nicht. Das zeigt auch die aktuelle Ausstellung „Pioniere in Celluloid. Juden in der frühen Filmwelt“ im Centrum Judaicum der Stiftung Neue Synagoge Berlin (bis 4. Mai). Wer denkt schon bei Ernst Lubitsch und Fritz Lang an ihre jüdische Herkunft?

Die meisten der etwa 1 500 Mitglieder der deutschen und österreichischen Filmgemeinschaft, die zwischen 1933 und 1938 in die Vereinigten Staaten emigrierten, waren jüdischer Herkunft. Und wenn sie auch Hollywood nicht erfanden, so resümiert der Autor, gäbe es doch vor allem ohne die deutschsprachigen Regisseure der ersten Jahre kein Hollywood. Den Verlust an geistiger und künstlerischer Substanz hat auch dieser Bereich der deutschen Kultur nicht kompensieren können.
Seinem Beitrag zum christlich motivierten Antisemitismus stellt Hans Hillerbrand die sprachliche Differenzierung „Deutsche“ und „Juden“ voran und stellt fest, daß von „christlichen und jüdischen Deutschen“ zu sprechen sei. Doch sei der Sprachgebrauch in Vergangenheit und Gegenwart ein anderer. Dagegen sei die Unterscheidung von Antijudaismus (theologisch) und Antisemitismus (charakterlich-rassisch) in der Literatur mittlerweile akzeptiert. Die naturwissenschaftliche Selbstverständlichkeit, die Menschen als eine Rasse zu betrachten, thematisiert er nicht, sonst entfiele auch der Begriff „rassisch“ für einen korrekten Sprachgebrauch.

Seine historische Darstellung des christlichen Antisemitismus endet mit der Betrachtung der Lebenszeit Adolf Stoeckers (1835-1909), der als Theologe und Politiker in Berlin tätig war, und führt damit unmittelbar in die Berliner Geschichte hinein. Stoecker kam 1874 als Hof- und Domprediger nach Berlin, leitete ab 1877 die Berliner Stadtmission, gründete die Christlich Soziale Arbeiterpartei und gehörte über viele Jahre dem preußischen Abgeordnetenhaus und dem Deutschen Reichstag an. 1890 wurde er von seinem Predigeramt abberufen.

Die Festschrift für Julius H. Schoeps versteht sich auch als ein kritischer Nachtrag zum Preußenjahr, in dem die preußisch-jüdische Geschichte kaum beachtet wurde. Da drängt sich die Frage auf, „warum?“ Schließlich hatte Kurfürst Friedrich Wilhelm 1671 das Juden-Patent erlassen, das fünfzig jüdischen Familien das Aufenthaltsrecht in Berlin zusicherte. Aus den daraufhin eingewanderten Familien erwuchs in den nachfolgenden Jahrzehnten eine der größten jüdischen Gemeinden Europas, die das wirtschaftliche, politische, wissenschaftliche und künstlerische Leben der Stadt Berlin und Brandenburg-Preußens nachhaltig prägte.

Preußens Himmel breitet seine Sterne ... Festschrift für Julius H. Schoeps, herausgegegeben von Willi Jasper und Joachim H. Knoll, Beiträge zur Kultur-, Politik- und Geistesgeschichte der Neuzeit, Festschrift zum 60. Geburtstag von Julius H. Schoeps, hg. von Willi Jasper und Joachim H. Knoll, 2 Bände (= Haskala Wissenschaftliche Abhandlungen, hg. vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Band 26), Hildesheim / Zürich / New York: Georg Olms Verlag 2002. 915 S. Mit 25 Abbildungen und einem Anhang mit Verzeichnis der Schriften von Julius H. Schoeps, Literaturverzeichnis und Autorenverzeichnis.

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Ludwig Börne. Deutscher, Jude, Demokrat, herausgegeben von Frank Stern und Maria Gierlinger

Ludwig Börne war kein Berliner. Und doch hat er mit Berlin zu tun: weil er in Berlin Medizin studierte, weil er Schriftsteller war und als berühmter Publizist seine gesammelten Schriften in Berlin zum Druck vorbereitete. „Ludwig Börne, der brillante Essayist, eigentlich der originäre Schöpfer des deutschen Feuilletons, der stilvolle Erzähler der kurzen, knappen Form, der kritische Zeitschriftsteller und wohltuend gebildete Theaterkritiker könnte ein aktueller Literaturtip sein.“ Derart begeistert beschreibt ihn Frank Stern zu Beginn des vorliegenden Aufsatzbandes. „(...) und die Sprache, in der er schreibt, in der Form und Inhalt, Stil und Gedankenreichtum zum Vergnügen der Leser zusammengeführt werden, stellt eine zu belebende Antwort auf die Sprachverwilderung in den heutigen Medien dar.“

Mangel an Werkausgaben Börnes, Unkenntnis der Person überhaupt trugen dazu bei, daß dieser Band entstand. Mangel an käuflich zu erwerbenden Werkausgaben werden es uns auch künftig schwerer machen, die Sprachkunst Ludwig Börnes kennenzulernen. Trösten wir uns also vorerst mit Büchern über Börne. Als Juda Löb (Louis) Baruch wurde er am 6. Mai 1786 in der Frankfurter Judengasse, im „schwärzesten Ghetto Europas“, wie Liliane Weissberg formuliert, geboren. Der Vater schickte ihn zum Unterricht, damit er Hebräisch lernte und studieren konnte. Nur die medizinische Fakultät stand ihm aufgrund seiner Glaubenszugehörigkeit offen.

Löw folgte seinem Lehrer Hetzel 1802 in die preußische Hauptstadt und wurde im Haus des Berliner Arztes Marcus Herz (1747-1803) und seiner Ehefrau Henriette, geborene de Lemos (1764-1847) aufgenommen. Im Herzschen Haus verkehrten die ersten Persönlichkeiten Berlins, aus allen Tätigkeitsbereichen und religiösen Bekenntnissen. Für den jungen Mann aus der Frankfurter Judengasse tat sich eine erstaunliche Welt auf, so neu, daß er während seines 18 Monate währenden Aufenthaltes mehrmals täglich seine Gedanken und Beobachtungen niederschrieb.

Auch die unerfüllte, unmögliche Liebe zu Henriette Herz findet in diesem ersten „deutschsprachigen Tagebuch eines Juden überhaupt“ (Weissberg) seinen Widerhall. Später, in Frankfurt am Main unter dem Namen Louis Baruch als Publizist tätig, begegnete er Jeanette Wohl, die für ihn „Gönnerin, Muse, Sekretärin, Buchhalterin, Herausgeberin, Kritikerin und mütterlicher Beistand“ wurde, so Deborah Hertz (vgl. Christa Walz: Jeanette Wohl und Ludwig Börne: Dokumentation und Analyse des Briefwechsels, Frankfurt a. M. 2001).

1818 änderte Baruch seinen Namen durch öffentliche Bekanntmachung in Ludwig Börne und konvertierte – dies geschah heimlich – zum christlichen Glauben. Dann setzte die journalistische Tätigkeit Börnes ein, das ständige Schleifen der – deutschen – Sprache und der Kritikfähigkeit sowie der Politisierung der Schriften (vgl. Georg Heuberger: Ludwig Börne – ein Frankfurter Jude kämpft
für die Freiheit, Frankfurt a. M. 1996).

Die Aufsätze der vorliegenden Anthologie streifen fast alle Facetten im Leben Ludwig Börnes: Den frühen Lebenslauf, die Begegnung mit Henriette Herz und Jeanette Wohl, den frühen Journalismus und das kritisch-ironische Feuilleton. Einen der vier Schwerpunkte des Bandes nimmt unter der Frage „Ein politisches Duell?“ der Streit zwischen Ludwig Börne und Heinrich Heine ein. Ihm widmen sich der Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb, Herausgeber der „Sämtlichen Schriften“ Heines, und Zvi Tauber, Dozent für Philosophie. 1912-13 gab der Berliner Kulturhistoriker Ludwig Geiger (1848-1919) die auf zwölf Bände angelegte „Historisch-kritische Ausgabe“ der Werke Börnes heraus, von der nur sechs Bände erschienen.

Ludwig Börne. Deutscher, Jude, Demokrat, herausgegeben von Frank Stern und Maria Gierlinger, Berlin: Aufbau Verlag 2003. 272 S.

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Brandenburgische Heil- und Pflegeanstalten in der NS-Zeit

Vor der Philharmonie steht der Tiergartenstraße zugewendet eine zweiteilige Stahlskulptur. Das Werk des kalifornischen Bildhauers Richard Serra entstand 1987 für die Ausstellung „Der unverbrauchte Blick“ im Martin-Gropius-Bau und wurde durch den Berliner Senat für 535 000 DM erworben. Serra wählte den Aufstellungsort für seine Skulptur Berlin Junction, weil sie mit der Architektur Scharouns korrespondiere.
An dieser Stelle stand einst die Villa Tiergartenstraße 4, 1940 nach der Enteignung der jüdischen Besitzer ausgewählt, die Leitung der Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten, die zentrale Planungsbehörde für die „Euthanasie“-Morde aufzunehmen. Die Villa Tiergartenstraße 4 wurde in den fünfziger Jahren nach schweren Kriegsbeschädigungen abgerissen.

An die „Aktion T 4“ erinnerte nach den tiefgreifenden Veränderungen des gesamten Stadtviertels nichts mehr. Die Bürgerinitiative, die ebenfalls 1987 den Anstoß gab, an diesem Ort ein Denkmal für die Ermordeten zu errichten, einigte sich mit Senat und Künstler darauf, der Stahlskulptur eine Gedenktafel hinzuzufügen. Die drei mal drei Meter große Bronzetafel, bündig in den Boden eingelassen, verwundert die Vorbeigehenden meist nur dann, wenn Blumen abgelegt wurden. Die Skulptur Berlin Junction wird in der Regel als Kunst am Bau und damit der Philharmonie zugehörig angesehen – wie es ursprünglich auch gedacht war.

„Aktion T 4“ bedeutete Sterilisation und Ermordung von geistig und körperlich kranken Menschen sowie Menschen mit stark eingeschränkten Fähigkeiten, benannt nach der Tiergartenstraße 4. Ein Geheimschreiben Adolf Hitlers, rückdatiert auf den 1. September 1939, ermächtigte Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt, „die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankenheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“

Die Folgen dieser Ermächtigung für das Land Brandenburg beschreiben die Autorinnen und Autoren in 16 Aufsätzen. Grundlage ihrer Arbeit bildeten die Bestände des Brandenburgischen Landeshauptarchivs in Potsdam, des Bundesarchivs in Berlin-Lichterfelde und des Archivs zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin-Dahlem. Es werden die rechtlichen und gesundheitspolitischen Maßnahmen auf dem Weg zur „Rassenhygiene“, die brandenburgischen Landesanstalten zwischen Zwangssterilisation und „Euthanasie“ sowie die authentischen Orte und ihr Gedenken thematisiert - ein umfangreiches Unterfangen.

Die Verbindung und Verstrickung von Ärzten, Pflegepersonal, Pharmaindustrie und Juristen wird in jedem der Kapitel überdeutlich. Das Schicksal der entwürdigten und mißbrauchten, dann ermordeten Menschen wird in Beispielen durch die Darlegung einzelner Krankenakten vor Augen geführt. So ist es selbstverständlich keine leichte Lektüre, die uns die AutorInnen bieten. Doch sei ihnen gedankt für die wissenschaftliche Mühe und die enorme psychische Leistung, die das Ziel haben, aufzuklären über das schwerste Kapitel der deutschen Medizingeschichte, dessen Zentrale mitten in Berlin stand.

Brandenburgische Heil- und Pflegeanstalten in der NS-Zeit (= Schriftenreihe zur Medizingeschichte des Landes Brandenburg), Berlin: be.bra Verlag 2002. 480 S. Mit 153 Schwarzweiß- und 11 Farbabbildungen sowie einem Anhang mit Auswahlbibliographie: I. Chronologie der Aufarbeitung der NS-„Euthanasie“ im Spiegel der Literatur, II. Bibliographie zur NS-Euthanasie 1995-2002, III. Heil- und Pflegeanstalten / Psychiatrische Landeskrankenhäuser und einem Personenregister. 

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Kunst 

Robert Capa Retrospektive, herausgegeben von den Berliner Festspielen und der Bibliothèque Nationale de France, Redaktion Laure Beaumont-Maillet

Robert Capa ist eine Legende, einer der wenigen Photographen seiner Generation, die immer wieder auch bei der Jugend auf großes Interesse stoßen. Also eher ein Klassiker? Ja, werden alle Menschen antworten, die die wunderbare Ausstellung der Berliner Festspiele im Martin-Gropius-Bau gesehen haben. Neben jenen Photographien, die ihn weltberühmt machten, waren auch unbekannte und bisher unveröffentlichte zu sehen.

Endre Ernö Friedmann wurde am 22. Oktober 1913 in Budapest geboren, floh von dort 1931 vor den Judenpogromen nach Berlin. Dort fand er eine Anstellung als Laufbursche beim Dephot, dem Deutschen Photodienst, wo ihn der Gründer Simon Guttmann, ebenfalls ungarischer Herkunft, zur Photographenlehre brachte und ihn im November 1932 nach Kopenhagen sandte, um Leo Trotzki zu photographieren. Es wurden seine ersten veröffentlichten Photographien. Eine Bildreportage für den „Weltspiegel“ entstand daraus, der er 1933 eine weitere über Heinrich Zille folgen ließ.

Der Photograph wurde bekannt und mußte vor den Nationalsozialisten fliehen. Dennoch, Berlin spielte im Leben des Photographen eine wichtige Rolle. Die Autorin Françoise Denoyelle bezeichnet die Berliner Zeit als „Die Jahre der Initiation“. 1945 sah er die Stadt, in der er seine ersten Bilder veröffentlicht hatte, noch einmal wieder – in Begleitung von Ingrid Bergmann.
In Paris begegnete er Gisèle Freund, die – 1912 in Berlin geboren – Deutschland ebenfalls verlassen hatte, und vielen anderen, später berühmten Menschen seines Metiers und anderer Berufe. Hier begegnete er der gebürtigen Stuttgarterin Gerda Pohorhylle. Sie erdachten gemeinsam seinen und ihren „Künstlernamen“ (Capa bestand zeitlebens darauf, kein Künstler zu sein): Robert Capa und Gerda Taro. Die Fülle der Namen und Begegnungen im erinnert daran, welches geistig-kreative Potential Deutschland zwischen 1933 und 1945 unwiederbringlich verlor.

Robert Capas Arbeit führte ihn um die ganze Welt. Der Photograph des Krieges berichtete aus dem Bürgerkrieg in Spanien. Während des Zweiten Weltkriegs dokumentierte er die Ereignisse in China, Italien, Großbritannien, Nordafrika. Capa machte die Bilder vom deutschen „Blitzkrieg“ auf England, die ersten Bilder von der Landung der Alliierten in der Normandie und der Befreiung von Cherbourg. Mit den amerikanischen Truppen rückte er nach Deutschland vor, photographierte in Wesel, Leipzig, Nürnberg und schließlich in Berlin. Am 25. Mai 1954 starb er in Nordvietnam während des Indochinakrieges, als er auf eine Mine trat.

Robert Capa Retrospektive, herausgegeben von den Berliner Festspielen und der Bibliothèque Nationale de France, Redaktion Laure Beaumont-Maillet, Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung 2005.

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Alexander Oler und David Olère: Vergessen oder Vergeben. Bilder aus der Todeszone

David Olère war Künstler. Er wurde 1902 in Warschau geboren und starb 1985 in Noisy le Grand bei Paris. „Nicht Alter oder Krankheit haben ihn getötet,“ schreibt sein Sohn Alexandre in diesem Buch, „sondern die Nachricht, daß ein französischer Professor es wagte, der Jugend beizubringen, daß das, was er zwischen 1943 und 1945 täglich erleben mußte, nie existiert hat.“
David Olère wurde während einer Razzia der französischen Polizei verhaftet und am 2. März 1943 von seinem Wohnort Noisy le Grand in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau transportiert. Dort wurde er als Totengräber dem jüdischen Sonderkommando zugewiesen.

Olère war Künstler. Nach dem Studium an der Kunstakademie zu Warschau erhielt ein Stipendium und ließ sich 1918-23 in Berlin nieder. In den fünf Berliner Jahren arbeitete er bei Ernst Lubitsch als Maler, Gestalter und Studiodekorateur. 1923 siedelte er nach Paris über, wo er an der Akademie Grande Chaumère lehrte und Kostüme und Plakate für Paramount Europe und andere entwarf.
Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau war Olère künstlerisch für Angehörige der SS tätig, kalligraphierte und dekorierte Briefe an deren Familien.

Diese erzwungenen Arbeiten haben nichts gemein mit denen, die das vorliegende Buch zeigt. 1945 aus dem Lager evakuiert, den Marsch bis Ebensee in Österreich überlebend, wurde er am 6. Mai von der amerikanischen Armee befreit.
„It’s all over now. Is it a dream?“ So bezeichnete Olère das Blatt, das ihn selbst in Begleitung eines amerikanischen Soldaten zeigt. Der Soldat umfaßt den Erschöpften und trägt ihn fort. „Der Messias ist in amerikanischer Uniform gekommen“ heißt das Gedicht auf der gegenüberliegenden Buchseite. „Er ist in amerikanischer Uniform gekommen (...) Er geht an meiner Seite. Er hat die Dämonen von der Erde verjagt.“ Die Dämonen, die Peiniger waren verjagt.

Die Erinnerungen an mehr als zwei Jahre Inhaftierung blieben. David Olère versuchte, seine Traumata zu heilen, versuchte in Bildern zu sprechen und an das Leid der Menschen, an sein Leid in Auschwitz-Birkenau zu erinnern. Seinem Werk blieb die Anerkennung versagt, weil der dokumentarische Charakter der Bilder dem Publikum mißfiel. Freunde, Serge und Beate Klarsfeld, und der Sohn Alexandre Oler sorgen seit 1985 dafür, daß die Gemälde und Zeichnungen David Olères in Museen und Publikationen einen Platz finden.

Der Blick auf das Erinnerungswerk des Künstlers, der zwei Jahren seines Lebens die restlichen widmete, hat sich gewandelt. Der Sohn schreibt: „Fünfzig Jahre habe ich gebraucht, um den richtigen, ihm angemessenen Ton zu finden.“ Alexandre Oler stellt den Bildern seines Vaters Texte gegenüber, tritt in ihnen an die Stelle des Vaters: „Ich“, „wir“, „uns“. „Ich bin für die Arbeit selektiert worden“ steht dem Bild „Eine Dreckarbeit“, 1965, gegenüber. Ein hölzerner Wagen zieht vorüber, voller Leichen, geschoben und gezogen von ausgemergelten Häftlingen.
David Olère malt die brennenden Gräben, in die lebende Kinder geworfen werden, weil die Krematorien überlastet sind, die Frauen, die Frauen prügelnd zur Arbeit treiben, die Gehenkten, die dem Lager entfliehen wollten, die gequälte schwangere Frau auf dem Tisch der SS-Ärzte, die Häftlinge, die das Haar ermordeter Frauen sortieren.

Wer die Bilder Olères, die sich thematisch mit der Shoa befassen, betrachten möchte, muß das Museum Yad Vashem in Jerusalem besuchen oder andere historische Museen in Galiläa, New York, Drancy, Champigny und Paris. Wer die Bilder und ihre Geschichten ein wenig begreifen möchte, könnte die Biographie Josef Mengeles von Ulrich Völklein (1999) lesen oder Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ (1978).

Alexander Oler und David Olère: Vergessen oder Vergeben. Bilder aus der Todeszone, Springe: zu Klampen Verlag 2004. 119 S. Mit 42 Schwarzweiß- und sechs Farbbbildungen.

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01/09/2010

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