Gerhild Komander

KarlshorstDas Haus in Karlshorst

Geschichte am Ort der Kapitulation 1945

Am Ende der Rheinsteinstraße, dort wo die Straße in ein Rondell mündet, steht ein graues Haus, Rauhputzfassade, Spitzdach. Im Garten drum herum versammeln sich Relikte eines langen Krieges, sowjetische Panzer, Lastkraftwagen, eine Stalinorgel.

 

Im November 1946 eröffnete der Militärrat der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland hier das Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941 – 1945.

 

Mit dem Abzug der sowjetischen Besatzungsmacht aus Berlin 1994 schloß das Museum. Seit 1996 beherbergt es das Deutsch-Russische Museum Karlshorst, als Pendant zum Alliiertenmuseum in der Clayallee, Zehlendorf. Die unterschiedliche Namensgebung, hier das Deutsch-Russische Museum, dort das Alliiertenmuseum, verdreht ein wenig die Geschichte – Alliierte waren die Sowjets auch – und rückt sie auch wieder zurecht. Die deutsch-russischen Beziehungen haben lange schon ihre Besonderheiten.

 

Zum vierzigsten Jahrestag des Hauses als Museumsort lädt die Museumsleitung zu einer Sonderausstellung ein mit dem schlichten und doch prägnanten Titel: Das Haus in Karlshorst. Geschichte am Ort der Kapitulation.

 

An die Pionierschule 1, die 1936 bis 1938 im Zuge der Aufrüstung der deutschen Wehrmacht errichtet wurde, erinnert die Ausstellung eingangs. Wohn- und Hörsäle, Werkstätten und Laboratorien, Offizierskasino, Bibliothek und Schwimmhalle fanden in den über zwanzig Gebäuden ihren Platz. Offiziere und Unteroffiziere des Heeres und der Marine erhielten hier ihre Ausbildung im Festungsbau. Im März 1945, kurz vor Kriegsende, verlegte man die Schule nach Bayern. Wenige Wochen später besetzte die Rote Armee das Haus und die umliegenden Gebäude.

 

Die 5. Stoßarmee der 1. Belorussischen Front unter Generaloberst Nikolai E. Bersarin erreichte als erste die Oder, dann Berlin. Die in Stalingrad erprobte Elitetruppe nahm die unzerstörten Gebäude der Pionierschule am 23. April 1945 in Besitz und errichtete im Offizierskasino ihr Hauptquartier. In der Rheinsteinstraße plante der Stab der 5. Stoßarmee die Eroberung Berlins, die am 2. Mai 1945 mit der Einnahme des Reichstagsgebäudes endete. Bersarin erhielt die Ernennung zum Stadtkommandanten der Reichshauptstadt - später die Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin.

 

Im zweihundert Quadratmeter großen Speisesaal des Kasinos fand in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai die Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht in Anwesenheit aller (!) Alliierten statt. Daran erinnert der erhaltene Saal mit den Fahnen der Alliierten bis heute.

 

Generaloberst Alfred Jodl, der Chef des Wehrmachtsführungsstabes, hatte im amerikanischen Hauptquartier in Reims (Frankreich - dort, wo eine der schönsten französischen Kathedralen steht) am 7. Mai gegenüber General Eisenhower die bedingungslose Kapitulation unterzeichnet, die am 8. Mai um 23.01 Uhr in Kraft treten sollte. Stalin verlangte eine weitere Unterzeichnung im Machtbereich der Sowjetunion. In Berlin-Karlshorst unterschrieb Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel.

 

Um dem besonderen Ereignis an diesem Ort dauerhafte Erinnerung zu verleihen, richtete die Sowjetische Militäradministration 1967 das Museum der bedingungslosen Kapitulation des nationalsozialistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941 – 1945 ein.

Es war ein russisches Museum:
Die gesamte Beschriftung der Objekte kannte nur die russische Sprache.

 

Es war ein ideologisches Museum:

„Unsterblich ist die Heldentat des sowjetischen Menschen, des Soldaten und des Werktätigen im Großen Vaterländischen Krieg. Wir verneigen uns vor denen, die für die Ehre und die Freiheit des sozialistischen Vaterlandes gefallen sind, die ihr Leben für die Rettung des Welt vor der faschistischen Pest gaben. Mit Hochachtung und Dankbarkeit erinnern wir uns der Kämpfer, Patrioten und Antifaschisten der anderen Länder – unserer Verbündeten in dieser Befreiungsschlacht."
Neigte sich Stalin vor den Toten?

 

Das Deutsch-Russische Museum erinnert mit einem Gedenkraum von 1967 an die Zeit des ersten Museums und mit Bildern, Dokumenten und Zeitzeugen-Erinnerungen daran, wie das Museum gestaltet war, wie die Ausstellungsräume auf die Gäste wirkte. Die Begleitbroschüre zur Ausstellung sollten die BesucherInnen vor dem Besuch kaufen, um sich zu orientieren. Denn ein Leitfaden innerhalb des Hauses fehlt. Überaus empfehlenswert ist der Katalog von 1997.

 

Gerhild H. M. Komander

 

Der Text erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt" 2006.

 

Leseempfehlung:

Museum Berlin-Karlshorst. Erinnerung an einen Krieg, herausgegeben vom Verein Museum Berlin-Karlshorst e. V., Berlin: Jovis Verlag 1997

 

Deutsch-Russisches Museum Karlshorst

Zwieseler Straße 4 Ecke Rheinsteinstraße, Lichtenberg
Telefon: 50 15 08 10
Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr

Öffentliche Führung:
sonntags, 15 Uhr, kostenfrei, ohne Voranmeldung

 

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