Gerhild Komander

Zellengefaengnis 150 Lehrter Straße Moabit

Alles was Berlin brauchte, aber nicht in der guten Stube haben wollte, verlagerte der König vor die Tore der Stadt. In der Lehrter Straße in Moabit entstanden Kasernen, ein Exerzierplatz, ein Zellengefängnis, ein Bahnhof und wenige Wohnhäuser.

Einen Katzensprung vom Berliner Hauptbahnhof entfernt liegt die Lehrter Straße, eine Straße voller Geschichte. Sie zweigt nach Norden von der Invalidenstraße ab, verläuft parallel zur Heidestraße und zum Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal bis an die Perleberger Straße, die ihrerseits links nach Moabit zurückführt, rechts aber in den Wedding hinausführt.

 

Lehrter Straße?

Lehrte ist eine Stadt in Niedersachsen mit gut 40 000 EinwohnerInnen, ehemals ein Eisenbahnknotenpunkt. Die Straßen der Umgebung heißen nach brandenburgischen Städten Rathenower, Perleberger, Pritzwalker Straße. Was treibt sich Lehrte in der Berliner Geschichte herum? Die Lehrter Straße erhielt ihren Namen nach dem Bahnhof, der sich an der Stelle des Hauptbahnhofs befand.

1869-71 ließ die Magdeburg-Halberstädter Eisenbahngesellschaft den Lehrter Bahnhof als Kopfbahnhof für die Eisenbahnverbindung Berlin – Lehrte – Hannover bauen. Er erstreckte sich von den – im Verlauf noch vorhandenen - Gleisen der S-Bahn in monumentaler Neorenaissance-Architektur bis kurz vor das Spreeufer, nahm also das ganze Gelände des Hauptbahnhofs südlich der Gleise und den Washington-Platz ein. Nur ein Rondell mit der Wagenvorfahrt hatte dort noch Platz. Die aus dem Bahnhofsgebäude nach Norden reisenden Züge fuhren ebenerdig unter den Gleisen der Stadtbahn hindurch und über die Invalidenstraße hinweg.

Der Lehrter Bahnhof schrieb Berliner Geschichte. Vom Lehrter Bahnhof sauste am 19. Dezember 1932 zum ersten Mal der schnellste Zug ab, der „Fliegende Hamburger", der die Hansestadt in einer Fahrtzeit von zwei Stunden und 18 Minuten erreichte. 1957 zerfiel das Gebäude unter Sprengbomben zu Schutt und Asche, der „Fliegende Hamburger" kam im selben Jahr aufs Abstellgleis, nachdem mit ihm 1949 noch der Interzonenverkehr aufgenommen worden war.

 

Die Musteranstalt Zellengefängnis Moabit

Am Eingang der Lehrter Straße liegt rechts der Geschichtspark Zellengefängnis Moabit, mit einem Eingang an der Invalidenstraße und einem an der Lehrter Straße - und einem besonderen Kapitel Berliner Geschichte. Der Eingang zum nicht erhaltenen Gefängnis lag in der Lehrter Straße. Nach neuesten Vorbildern aus England entwarf Carl Ferdinand Busse im Auftrag des Königs Friedrich Wilhelm IV. eine weiträumige Anlage, die 1849 fertiggestellt wurde und als Musteranstalt galt.

Damals glaubten die Verantwortlichen daran, dass strenge Einzelhaft die Gefangenen vor dem schlechten Einfluss der Mitgefangenen bewahren könnte und dadurch eine Besserung der Häftlinge möglich sei. Was als Mittel der Resozialisierung gedacht war, zeigte jedoch schlechte Ergebnisse. Die Isolationshaft trieb manche Menschen dazu, sich in der Haft umzubringen.

Dennoch blieb das Gefängnis bis nach dem Zweiten Weltkrieg bestehen, 1957 kamen die Abrißbagger und ebneten das Gelände ein. Ein Bewußtsein für den historischen Ort hatte sich noch nicht entwickelt. Das erhaltene Untersuchungsgefängnis in der Rathenower Straße zeigt einen ganz ähnlichen Aufbau. Besichtigen kann man es nicht. Begehen und besichtigen können SpaziergängerInnen seit Oktober 2006 den Geschichtspark Zellengefängnis Moabit, dessen Gestaltung an die einstige Funktion des Ortes erinnert.

 

Heinrich-Zille-Siedlung statt Ulanen-Kaserne

Heute schirmen Siedlungsbauten das Gelände zur Straße hin ab. Sie gehören zur Heinrich-Zille-Siedlung, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite fortsetzt. Ein kleines KünstlerInnen-Straßenviertel, das Lesser Ury, Claire Waldoff und Otto Dix ehrt.

In den vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts ließ König Friedrich Wilhelm IV. hier auf dem nach Norden bis an die Perleberger Straße reichenden Gebiet Kasernen und einen Exerzierplatz anlegen. Der Ostseite des Platzes folgte die Lehrter Straße seit 1845 als Sandweg, der in den siebziger Jahren zur Straße ausgebaut wurde.

Auf dem Areal der Heinrich-Zille-Siedlung stand zur Lehrter Straße hin die Feuerwerker-Schule, zwischen Invalidenstraße und Seydlitzstraße – benannt nach dem Reitergeneral Friedrichs II. - die großzügige Anlage der Garde-Ulanen-Kaserne. Der Bau entstand nach Entwürfen Friedrich August Stüler noch vor der Revolution 1848 und war die älteste aller Kasernen. 1955 ließ die Stadtverwaltung sie abreißen, obwohl sie im Zweiten Weltkrieg nur geringe Schäden erlitten hatte.

Gegenüber der Einmündung der Seydlitzstraße, die hinter der Heinrich-Zille-Siedlung verläuft, liegt der Beamtenfriedhof, auf dem die Vollzugsbeamten des Zellengefängnisses ihre letzte Ruhe fanden. Auch einen Gefangenenfriedhof gab es ehemals, vor dem der Beamten gelegen. Als das Gefängnis abgerissen wurde, entwidmete man den Friedhof. Nichts erinnert mehr an ihn und die verstorbenen Gefangenen.

 

Der Sport erobert die Kasernen

In gelbem Backstein mit markanten roten Ziegelbändern gemauert steht in der Lehrter Straße Nr. 6 bis 11 das Wohnhaus für Eisenbahnbeamte. Baubeamte der Magdeburg-Halberstädter Eisenbahngesellschaft entwarfen den 1871-73 errichteten Bau. Das Haus gibt einen wichtigen, aber vergessenen Hinweis auf die ersten Jahrzehnte Berliner Eisenbahn-Geschichte.

Auf dem weiten Rechteck des einstigen Exerzierplatzes entstanden in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Poststadion und 1955 zur Rathenower Straße hin der Fritz-Schloß-Park. An der Kruppstraße, die das Gelände nach Norden abschließt, stehen bis heute Kasernen der Kaiserzeit, teilweise unter den Nationalsozialisten umgebaut.

Den Exerzierplatz gab die junge „Weimarer" Republik unter dem Druck des Versailler Vertrages auf. Das Poststadion ließ der Postsportverein der Reichspost 1926-29 errichten. Der Architekt Georg Demmler entwarf eine Volkssportanlage – mit Wettkampfstadion, Rasenplätzen, Hallen und Schwimmhalle -, die vorbildlich auf die Vorhaben anderer deutscher Städte wirkte. Der Haupteingang zum Poststadion an der Lehrter Straße macht keinen guten Eindruck. Das Stadion ist seit den achtziger Jahren geschlossen, Betontröge wehren Überall-Parker ab.

Erst seit dem Jahr 2006, als die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft eine Touristen-Euphorie in Berlin auslöste, und die Stadtverwaltung sogar bereit war, jungen Menschen ohne hohe Einkünfte günstige Unterkünfte zu ermöglichen, kehrt Leben in diese phantastisch moderne Anlage zurück.

Der Zeltplatz, der sich in selbsterfundenem Englisch Tentstation nennt, liegt ideal – mitten in der Stadt und im Grünen, wie so oft in Berlin. Als Ortsangabe findet sich Berlin-Mitte, klingt besser als Moabit. 125 Zelte finden hier Platz. In diesem Juli fand erstmals das Berlin Festival im Poststadion statt. Das alte Sommerbad, lange schon geschlossen (warum eigentlich?), diente als sommerlicher Hintergrund für die Bar. Die Musik des Festivals war auch in Ordnung.

Neben dem Eingang zum wieder erwachenden Poststadion stehen mehrere Gebäude, die das Amtsgericht Tiergarten und die Justizvollszugsanstalt Plötzensee nutzen. Sie stehen in der Tradition des Oberkriegsgerichts des Gouvernements von Berlin, des Gardekorps und des III. Armeekorps. Hier saß Karl Liebknecht ein, nachdem er 1916 während einer Antikriegsdemonstration verhaftet worden war.

 

... ein bisschen, wie das alternative Kreuzberg einmal war

Gegenüber vom Poststadion spielt sich nichts ab in der Lehrter Straße. Wüstes Gelände des einstigen Hamburg und Lehrter Güterbahnhofs harrt der Wiederverwendung. Erst jenseits der Kruppstraße kehrt wieder Leben in die Straße ein. Straßencafés haben das Gebäude der Berliner Granit- und Marmorwerke (Nr. 27 bis 30) erobert. Das Haus erbaute Richard Krebs in den Jahren 1887-88.

Es stehen noch einige alte Mietshäuser in der Lehrter Straße, im Stil der Mietskasernen, jedoch von heutigen Eigentümern und Nutzern herausgeputzt. Hier ist die Lehrter Straße ein bißchen, wie das alternative Kreuzberg einmal war.

Im Wertheim-Haus, einer Fabrik mit Lagerräumen, ist die Kulturfabrik Moabit eingezogen. Von außen wirkt es wie ein Warenhaus vom Hausvogteiplatz. Ernst Scharnke, der Architekt, hatte Alfred Messels Kauf-Palast in der Leipziger Straße vor Augen, als er an den Entwürfen arbeitete.

Die weißen Glasursteine im Innern verraten die Funktion: Schlachter verarbeiteten Fleisch zu feinen Häppchen, ArbeiterInnen produzierten Konserven, Bäcker und Konditoren stellten feine Backwaren, Kuchen und Torten für die wohlhabende Gesellschaft her.

Nicht nur beim alljährlichen Moabiter Inselglück stehen viele Haustüren offen und lassen Neugierige ein, die dann kleine Geheimnisse entdecken: wie den Hinweis auf die Kellergewölbe – sechs Meter hoch – der Weinhandlung Trarbach im Haus Nr. 48b. Zwei Hinterhöfe hat das Haus, beide schmückt ein riesiges Wandbild, das auf den Ursprung des Hauses verweist.

Die Lehrter Straße zu durchstreifen, dieses kurze Stück Berlin, ist eine Reise durch die Berliner Geschichte. Gut sitzen läßt's sich hier auch. Das werden die jungen Leute, die im Poststadion zelten, bald entdecken.

 

Gerhild H. M. Komander

Der Text erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt", Juli 2007.

Einen Text zum Amtsgericht in der Lehrter Straße finden Sie hier.

Susanne Torka hat ihn geschrieben.

 

Die Stadtführung zum Geschichtspark Zellengefängnis Moabit finden Sie hier.

 

Leseempfehlung:

Jürgen Tomisch, Matthias Donath, Angelika Kaltenbach u. a.: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte. Ortsteile Moabit, Hansaviertel und Tiergarten, hg. vom Landesdenkmalamt Berlin. 358 S. Mit 369 Schwarzweißabbildungen und einer Karte

 

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Berlin im Blick

Berliner Geschichte

1319 Die Doppelstadt Berlin-Cölln erwirbt Rosenfelde (Friedrichsfelde).
Cölln wird in allen geistlichen und kirchlichen Angelegenheiten der Propstei von Berlin unterstellt.
Erste urkundliche Erwähnung der Stadtmauer und von Heinersdorf
Der letzte Askanier, Markgraf Woldemar, stirbt ohne männlichen Erben. Markgräfin Agnes, seine Witwe, kommt mit dem Vormund Herzog Rudolf von Sachsen zur Huldigung nach Berlin-Cölln.

1369 Berlin erwirbt das landesherrliche Münzregal.

1619 12. November Kurfürst Johann Sigismund legt die Regierung nieder.
Georg Wilhelm wird Kurfürst.

1669 Paul Gerhardt verläßt Berlin.
Der Packhof auf dem Friedrichswerder wird erbaut.
Willem Frederik van Royen wird kurfürstlicher Hofmaler

1719 Die Volkszählung stellt 64 000 EinwohnerInnen in Berlin fest.
Johann Sigisbert Ebert erbaut eine Wasserleitung für das Schloß.
Martin Heinrich Böhme erbaut das Schloß Friedrichsfelde.

1769 Friedrich Nicolai gibt seine „Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam" heraus.
Die Pockenimpfung wird eingeführt.
Johann Christian Kleemeyer eröffnet eine Uhrmacherwerkstatt und baut Flötenuhren.

1919 5. Januar Januaraufstand

15. Januar Ermordung der Mitbegründer der KPD Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch Angehörige der Garde-Schützen-Kavallerie-Division

19. Januar Wahl zur Deutschen Nationalversammlung
Frauenwahlrecht: Erstmals dürfen sich die Frauen im Deutschen Reich an einer Wahl beteiligen.

28. Juni Unterzeichnung des Friedensvertrags durch Reichsaußenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) für das Deutsche Reich im Spiegelsaal des Versailler Schlosses

 

 

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