Gerhild Komander

SpandauerStr 150Berlin ohne die „Linden" oder: Warum die Spandauer Straße nicht (mehr) nach Spandau führt

Es gab eine Zeit in der Berliner Geschichte, da existierte die Straße Unter den Linden nicht. Damals führte nur ein Reitweg in den Tiergarten hinein. 

 

Der Tiergarten erstreckte sich bis in die Gegend, wo heute die Neue Wache von Karl Friedrich Schinkel steht

Es gab eine Zeit in der Berliner Geschichte, da existierte die Straße Unter den Linden nicht. Damals führte nur ein Reitweg in den Tiergarten hinein, der sich bis in die Gegend erstreckte, wo heute die Neue Wache von Karl Friedrich Schinkel steht. Erst 1647 ließ Kurfürst Friedrich Wilhelm die Straße anlegen, die später, viel später, den Namen Unter den Linden erhielt. Im 17. Jahrhundert war der Weg von Nußbäumen gesäumt. Der Tiergarten war tatsächlich ein Garten, ein eingezäuntes Gelände, in dem die kurfürstlichen Jäger wilde Tiere zur Jagd ihres Herrn zusammentrieben. Auf diese Bediensteten des Hofes verweist die Jägerstraße, die nach dem kurfürstlichen Jägerhof benannt wurde.

 

Vom Hohen Haus zur Spandauer Burg

Die brandenburgischen Landesherren hatten seit den Anfängen der städtischen Entwicklung der Schwesterstädte Berlin und Cölln einen Sitz in Berlin, das Hohe Haus in der Klosterstraße, und im älteren Spandau, auf der Burg, später die Zitadelle. Über Spandau ging es weiter in die westliche Mark unHeiliggeist 250d an den Rhein. Diesen Weg nahmen nicht nur die Markgrafen und Kurfürsten, sondern auch die Kaufleute und Heere, letztlich alle Menschen, die Berlin Richtung Westen verließen oder aus dem Westen nach Berlin reisten.

 

Middelstraße, Am Kohlenmarkte, Gegen dem Rathaus

Die Spandauer Straße beginnt seit frühester Zeit der Berliner Stadtentwicklung am Berliner Molkenmarkt, führt an der Ostseite der Nikolaikirche, dann an der südwestlichen Front des Rathauses vorbei. Straßennamen waren im Mittelalter keine festen Bezeichnungen. So wechselte diese Straße ihren Namen von Mensch zu Mensch und von Zeit zu Zeit. Am längsten hielt sich der Name Am Spandauer Thor, andere Namen waren Middelstraße, am Kohlenmarkte, gegen dem Rathaus und neben dem Rathaus.

Hinter dem Rathaus kreuzt die Straße nach Spandau die Rathausstraße, einst Königstraße, davor Georgenstraße oder Oderberger Straße. An der Kreuzung Spandauer Straße und Rathausstraße öffnen sich seit wenigen Jahrzehnten links und rechts des Weges weite Plätze, das Marx-Engels-Forum und der namenlose Platz vor der Marienkirche. Diese leeren Flächen bildeten die Neustadt Berlin, im 13. Jahrhundert gegründet von den askanischen Markgrafen, die auch die zweite Stadtpfarrkirche stifteten.

 

Abriss für die kaiserliche Schneise

Die Karl-Liebknecht-Straße, die die Spandauer Straße nun kreuzt, gab es in mittelalterlicher Zeit nicht. Auch bis in das 19. Jahrhundert führte in ihrem heutigen Verlauf kein Weg nach Westen aus Berlin heraus. Wer in den Lustgarten wollte, mußte zurückkehren und über die Lange Brücke / Kurfürstenbrücke / Rathausbrücke um das Schloß herumlaufen. Ende des 19. Jahrhunderts ließ Kaiser Wilhelm II. einen Teil des Schlosses einreißen, um Platz zu schaffen für die neue Magistrale, die unter dem Namen Kaiser-Wilhelm-Straße die Straße Unter den Linden fortsetzte.

Die Spandauer Straße zieht sich weiter bis zur Heiliggeistkapelle, die damals der kleinere Teil eines großen Hospitalgeländes war. Im Mittelalter endete die Straße an dieser Stelle, etwa auf Höhe der Anna-Louisa-Karsch-Straße, denn hier befand sich die Stadtmauer mit dem Spandauer Tor. Mit dem Bau der Berliner Festung fiel die Stadtmauer, das Spandauer Tor wurde nach Norden versetzt. Daran erinnert er das Straßenschild „An der Spandauer Brücke". Die Brücke führte über den Festungsgraben, der bestehen blieb, auch als unter Friedrich Wilhelm I. ab 1737 die Festung geschleift wurde. Den Verlauf des Grabens zeichnet in etwa der Bogen der Stadtbahn nach.

Jenseits des Stadttores verlief der Weg nach Spandau dann weiter nördlich der Spree entlang: über die Oranienburger Straße auf nicht mehr vorhandenen Wegen zum Königsdamm, der heute Heckerdamm heißt. Mit der Anlage des Schlosses Lietzenburg / Charlottenburg entstand eine zweite Spandauer Straße, die heute Spandauer Damm und Spandauer Chaussee heißt.

 

Gerhild H. M. Komander

 

Der Text erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt", 2007.

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Berlin im Blick

Berliner Geschichte

1319 Die Doppelstadt Berlin-Cölln erwirbt Rosenfelde (Friedrichsfelde).
Cölln wird in allen geistlichen und kirchlichen Angelegenheiten der Propstei von Berlin unterstellt.
Erste urkundliche Erwähnung der Stadtmauer und von Heinersdorf
Der letzte Askanier, Markgraf Woldemar, stirbt ohne männlichen Erben. Markgräfin Agnes, seine Witwe, kommt mit dem Vormund Herzog Rudolf von Sachsen zur Huldigung nach Berlin-Cölln.

1369 Berlin erwirbt das landesherrliche Münzregal.

1619 12. November Kurfürst Johann Sigismund legt die Regierung nieder.
Georg Wilhelm wird Kurfürst.

1669 Paul Gerhardt verläßt Berlin.
Der Packhof auf dem Friedrichswerder wird erbaut.
Willem Frederik van Royen wird kurfürstlicher Hofmaler

1719 Die Volkszählung stellt 64 000 EinwohnerInnen in Berlin fest.
Johann Sigisbert Ebert erbaut eine Wasserleitung für das Schloß.
Martin Heinrich Böhme erbaut das Schloß Friedrichsfelde.

1769 Friedrich Nicolai gibt seine „Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam" heraus.
Die Pockenimpfung wird eingeführt.
Johann Christian Kleemeyer eröffnet eine Uhrmacherwerkstatt und baut Flötenuhren.

1919 5. Januar Januaraufstand

15. Januar Ermordung der Mitbegründer der KPD Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch Angehörige der Garde-Schützen-Kavallerie-Division

19. Januar Wahl zur Deutschen Nationalversammlung
Frauenwahlrecht: Erstmals dürfen sich die Frauen im Deutschen Reich an einer Wahl beteiligen.

28. Juni Unterzeichnung des Friedensvertrags durch Reichsaußenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) für das Deutsche Reich im Spiegelsaal des Versailler Schlosses

 

 

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