Miron Mislin: Industriearchitektur in Berlin 1840 – 1910

Einen „geradezu unerhörten Denkmalreichtum an historischen Industrieanlagen und technischen Zweckbauten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert“ attestiert Landeskonservator Jörg Haspel der deutschen Bundeshauptstadt. Wer kennt nicht die Turbinenhalle in Moabit, die Peter Behrens für die AEG errichtete? Doch ist dieser Bau nicht einmal die Spitze des Eisberges.

Miron Mislin, seit 1987 Professor an der Technischen Universität Berlin, legt erstmals eine umfassende Untersuchung zu den Industriebauten Berlins vor. Die Industrialisierung Berlins ist selbstverständlich lange schon ein Forschungsthema, doch wurden entweder die wirtschaftlichen Aspekte betont oder das kunsthistorische Interesse befriedigt. Die Gesamtheit der Bauanlagen ist bisher nicht erfaßt wurden, so daß auch eine Typologisierung und eine Topographie nicht vorlag.

Hier schließen die langjährigen Forschungen von Miron Mislin mehr als eine Lücke, obwohl der Autor sich und seinen LeserInnen einleitend Rechenschaft ablegt über seine Auswahl der Industrieanlagen und somit deutlich macht, daß er Vollständigkeit nicht anstrebe. Vielmehr nimmt Mislin die Berliner Maschinenbauindustrie als Maßstab, sein Untersuchungsfeld abzustecken. Sie wurde zum Motor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, nachdem die bis dahin führende Textilindustrie, noch in Manufakturen mit Hausarbeit bestehend, durch die britische Konkurrenz verdrängt wurde und sich mit ihren Produktionsstätten in ländliche Gebiete zurückzog.
Den ersten Standort außerhalb der Stadtmauern begründete 1804 die Königliche Eisengießerei an der Chausseestraße. Es folgte die Firma Freund, die 1837 ihren Standort in der Mauerstraße mit dem Charlottenburger Salzufer wechselte. So grenzt Mislin seine Darstellung auf den Zeitraum von 1840 bis 1910 ein, verweist aber darauf, daß der Standort Spandau ganz ausgelassen werde.

Der Autor widmet sich im ersten Kapitel der städtebaulichen Entwicklung Berlins und der Entwicklung der Industriestandorte. Damit gibt er einen klaren Überblick, dessen Einzelheiten man sich sonst mehr oder weniger mühsam zusammen suchen müßte. Die Vermittlung von technischem Wissen, unerläßlich zur erfolgreichen Entwicklung industriellen Entwicklung der Stadt, legt Mislin vom Zeitpunkt erster Gewerbevereine über die Gründung der Bauakademie bis hin zur Gewerbeakademie dar.

Ein umfangreiches Kapitel befaßt sich mit der Entstehung der Berliner Fabriken und berücksichtigt die technologischen Voraussetzungen, die Entwicklung in den verschiedenen Industriezweigen und den Zusammenhang der frühen Industrialisierung mit der Gewerbeförderung. Typologischen Fragen stellt sich Mislin dann in mehreren Abschnitten. Große Beachtung finden entsprechend ihrer wirtschaftlichen Bedeutung die wichtigen Branchen Metall- und Maschinenbauindustrie und chemische Industrie.
Die technischen Besonderheiten der Baukonstruktion – Backsteinrohbau und Eisenkonstruktion – werden Überblicken zur Konstruktionsgeschichte in zwei Abschnitten (1800-1869 und 1870-1910) nachgestellt, die einzelnen Gebäudeelemente von den Stützen bis zum Dach eingehend untersucht.

Das Kapitel Industriearchitektur als Bauaufgabe behandelt die Entwicklung der Hallenbauten mit den Werkstoffen Glas und Eisen – hier werden die repräsentativen Bahnhofsbauten in zahlreichen zeitgenössischen Abbildungen vorgestellt -, das Verhältnis von Auftraggeber und Auftragnehmer und schließt Anmerkungen zu den Industriearchitekten und die Entwicklung des Bau- und Gewerberechts ein. Eine Art Zusammenfassung stellt das letzte Kapitel dar: Architekturästhetik und Stilbildung.
Mislin zeichnet die Entwicklungslinie der allgemeinen Architekturgeschichte in wenigen Sätzen nach und konstatiert die Aufgabe „der barocken Raumauffassung von perspektivischen Gebäudegruppen als städtebaulichem Ensemble“.
An ihre Stelle tritt mit dem Klassizismus das einzelne Kunstwerk stärker hervor: Ein Architekturverständnis, wie es in Berlin seit Schinkels Neuem Packhof (1832) und der Bauakademie vertraut ist. Gerade die Bauakademie gilt in ihrer konstruktiv-funktionalen Gestalt als Vorbild der in den folgenden Jahrzehnten in Berlin entstehenden Gewerbe- und Verwaltungsbauten.

Der 130 Seiten umfassende Katalog mit den Industriebauten aus Charlottenburg, Kreuzberg, Mitte, Reinickendorf, Tiergarten und dem Wedding stellt 38 Industriebetriebe vor. Mislin gibt zu jedem Gelände einen Lageplan an und erläutert die Lage des Grundstücks. Er zählt die Eigentümer und die an der Planung und Ausführung Beteiligten auf. Es folgen eine Bau- und Nutzungsgeschichte, eine Baubeschreibung und eine architektonische Einordnung, in der Vergleichsbeispiele herangezogen sowie Vorbilder und Hinweise aus der zeitgenössischen Literatur erläutert werden.

Beispielhaft sei die Maschinenbauanstalt und Gießerei von August Borsig in der Chausseestraße 1 genannt. Das von Borsig erworbene Grundstück besaß 1937 eine Grundfläche von 19 250 qm, 1945 von 372 000 qm. Mislin stellt alle 19 Gebäude, die im Verlauf von 37 Jahren errichtet wurden, ausführlich dar: von der ersten Gießerei mit Werkstätten (1837) über die neue Kesselschmiede (1844), die Lokomotivhalle mit Wasserturm und Magazin (1856) bis hin zum Verwaltungsgebäude mit den Arkaden (1858 ff.) und dem Räderwerk (1872).
Alle Namen derer, die an Planung und Ausführung beteiligt waren, werden genannt und den Bauphasen zugeordnet: August Borsig für die Jahre 1836-40, C. P. Atzpodien, Jung, A. Karchow, H. Müller, A. W. Pardow, O. Sauerteig, F. Schilling, L. Siegel, J. H. Strack.

Über die Baumeister, Architekten, Maurermeister und Zimmermeister erfährt man dann im Verzeichnis der Architekten etc. mehr. Nur, und das verwundert doch sehr, niemals ihre Vornamen. Mancher Vorname wird aus den Akten nicht hervorgegangen sein. Im Falle Strack und anderer ist das nicht möglich. Dieser scheint der einzige Makel an dem umfangreichen Werk von Miron Mislin, dessen überzeugende Gliederung auch Neulingen auf dem Gebiet der Industriegeschichte Berlins den Einstieg in das Thema ermöglicht.

Miron Mislin: Industriearchitektur in Berlin 1840 – 1910, Tübingen und Berlin: Ernst Wasmuth Verlag 2003. 458 S. Mit 283 Schwarzweißabbildungen im Text, zwölf Farbtafeln und 258 Schwarzweißabbildungen im Katalog sowie zahlreichen Lageplänen. Anhang mit Katalog, Verzeichnis der Architekten, Baumeister, Ingenieure, Maurer- und Zimmermeister, Bauunternehmer, Baugeschäfte, Bauausführung und –konstruktion, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie einem Register zu Personen, Firmen und Sachworten.

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