Gerhild Komander

Heinrich Stephan

Der Postmeister

Heinrich von Stephan, Otto von Bismarck und die preußische Post

 

Im Jahre 1858 beendete Heinrich Stephan das Manuskript zu seinem Buch „Geschichte der Preussischen Post von ihrem Ursprunge bis auf die Gegenwart. Nach amtlichen Quellen". Das Buch erschien im darauffolgenden in Berlin in der Geheimen Oberhofdruckerei Rudolf Decker und bis heute in zahlreichen Neuauflagen, etwa 1976 bei Auvermann in Glashütten, 1987 bei Deckers Verlag in Heidelberg. Die 816 Seiten des Werkes schrieb der Verwaltungsangestellte Stephan, während er nebenher die Stufen der Hierarchie in der preußischen Postverwaltung erklomm. Kommunikation galt dem hochgebildeten Mann alles, das belegt sein erstaunlicher Lebensweg.

Am 7. Januar 1831, kam Heinrich Stephan in Stolp / Pommern zur Welt. Fünf Tage nach seinem fünfzigsten Geburtstag ließ er versuchsweise die ersten acht Teilnehmer im Stadtfernsprechverkehr zu und weitere sieben Monate später, genauer gesagt am 15. August 1881, die erste öffentliche Sprechstelle – nach der Formulierung Stephans -, also eine Telefonzelle aufstellen.

 

Der „Emporkömmling"

Heinrich Stephan, der kein Techniker war, wird dennoch in dem Band Techniker aus der Reihe Berlinische Lebensbilder mit seiner Biographie vorgestellt.

Zur Begründung schreibt Wilhelm Treue:

„Er hat auf keinem Niveau des Hochschulwesens studiert, kein Technikerexamen bestanden, auch nicht als Techniker gearbeitet und seine Familie ernährt. Aber er hat in den siebziger und achtziger Jahren in Preußen und im Deutschen Reich technische Leistungen von großer politischer, wirtschaftlicher, finanzieller, organisatorischer und nicht zuletzt kultureller Bedeutung veranlaßt. Durch sein Verständnis für die umfassende Bedeutung des Nachrichtenwesens für Existenz und Entwicklung einer mitteleuropäischen Groß- und schließlich einer Weltmacht haben Telegraphie und Telefonie in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts einen außerordentlichen Umfang und eine viel beneidete Qualität erlangt."

Seine berufliche Laufbahn nach offensichtlich überdurchschnittlich erfolgreichem Schulbesuch begann Stephan als Postschreiber im Stolper Postbüro. Nach Berlin holte ihn 1856 sein pommerscher Landsmann Generalpostdirektor Schmückert. Als herausragende Leistungen der nächsten Jahre sind Stephans Buch zur Geschichte der preußischen Post (1858) – bis heute ein Standardwerk – und die Erfindung der Korrespondenzkarte, sprich: Postkarte (seit 1872), sowie die Gründung der Reichsdruckerei zu nennen.

Reichskanzler Otto von Bismarck ernannte den von ihm bewunderten „Emporkömmling" am 29. April 1870 zum Generalpostmeister der Norddeutschen Bundespostverwaltung. Selbstverständlich schien es, daß Stephan nach der Reichsgründung Reichspostmeister wurde, weniger, daß er am 1. Juli 1875 den Allgemeinen Postverein (1878 Weltpostverein) gründete.
Die beruflichen Aktivitäten und persönlichen Neigungen des Mannes zeigen die außerordentliche Weitreiche seiner Interessen, die das Verkehrs- und Nachrichtenwesen in allen seinen sich nun ausdifferenzierenden Bereichen erfaßte: Von der Postkarte über die Geschichte des Verkehrswesens im Mittelalter bis zur Bedeutung des Suezkanals als Weltverkehrsstraße und des Luftschiffs für die Weltpost – kaum ein Bereich, mit dem Heinrich Stephan sich nicht beschäftigte, und das mit der Akribie eines Wissenschaftlers.

 

Adelstitel und Denkmäler für den Postschreiber

Die Strategie war erfolgreich. Aufgrund der allgemeinen Anerkennung seiner vielseitigen Leistungen erhielt Stephan nicht bloß die Berufung in das Preußische Herrenhaus (Bundesratsgebäude) und die Ehrendoktorwürde der Universität zu Halle, sondern am 1. Januar 1876 auch die Bestätigung seines Vorschlags durch den Reichstag, die Reichstelegraphie mit der Reichspost zu vereinen. In diesen Jahren – um 1876 – initiierte Stephan den Aufbau der modernen Telegraphie zunächst in Deutschland, dann in der ganzen Welt. Dieses Werk brachte er in jenem Jahr zu einem vorläufigen Abschluß, als er der Telephonie an die Öffentlichkeit half: 1881.

Das Anerbieten Bismarcks, Finanzminister des Deutschen Reiches zu werden, lehnte Stephan glücklicherweise ab. Wer weiß, ob sonst die Reichspostdampferlinien nach Ostasien und Australien (1885/86) und die eigene telegraphische Verbindung nach den Vereinigten Staaten von Amerika (1882 ff.) so schnell zustande gekommen wären. Kaiser Wilhelm I. dankte ihm das alles 1885 mit der Erhebung in den Adelsstand.

Als Heinrich Stephan am 8. April 1897 aufgrund seiner Zuckerkrankheit starb, war vielen Menschen die Bedeutung seines Werkes schon nicht mehr bewußt. Telegraphie und Telephonie, das gesamte Post- und Telegraphenwesen einschließlich der Postkarte hatten sich längst derart selbstverständlich im alltäglichen Leben integriert, daß der Mann dahinter mehr Popularität durch seine Volkstümlichkeit besaß, die in der Bezeichnung der Postboten als „Stephans-Boten" zum Ausdruck kam, als durch seine ungemein zukunftsweisenden Leistungen.

Begraben wurde Heinrich Stephan auf dem Friedhof der Dreifaltigkeitsgemeinde I in Kreuzberg, zwischen Zossener Straße und Mehringdamm. Dort ruht er neben solch bekannten Persönlichkeiten der Berliner Geschichte wie Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy, Karl und Rahel Varnhagen.

Schon im Mai 1897 erging ein Aufruf an die Postbeamten, sich an der Stiftung sowohl eines Grabmonumentes als auch eines Denkmals im Hof des Postgebäudes in der Leipziger Straße zu beteiligen. Mit Erfolg. 1899 konnten Denkmal und Grabmal, beide von dem Bildhauer Joseph Uphues geschaffen, eingeweiht werden. Das Denkmal im Hof des Berliner Postmuseums wurde 1964 mutwillig – wahrscheinlich auf Anordnung des damaligen Direktors - zerstört. An seinem Grab wacht immer noch die trauernde Gestalt. Das Denkmal, das Stephan sich selbst setzte, war das Postmuseum (Museum für Kommunikation), das er als Vorbild für weitere gleichartige Museen ab 1874 aufgebaut hatte.

 

| Nr. 25, September 2008 |

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- © gerhild komander 9/08 -

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14. Mai Mit der Befreiung des Brandstifters Andreas Baaders aus der Haft in der Justizvollzugsanstalt Tegel beginnt die Geschichte der RAF.
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