Gerhild Komander

Thurneysser 150Den Teufel im Kristallglase geführt

Leonhard Thurneysser

 

Er war Goldschmied und Landsknecht, Schriftsetzer und Bergwerksunternehmer, Magier und Alchimist. Manchen Zeitgenossen galt Leonhard Thurneysser als Betrüger und Hochstapler. Am 22. Juli 1531, kam er in Basel zur Welt. Zum 400. Jahrestag seines Todes am 8. Juli 1996 zeigte Gabriele Spitzer, was konsequente Forschung auszurichten vermag: Aus dem Scharlatan, Zauberer und Wucherer wurde ein hochgebildeter Weltreisender, „eine innovative Person", die für die Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von herausragender Bedeutung war.

 

1574 trat Thurneysser als Leibarzt in den Dienst des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg (1525-98) und siedelte nach Berlin über. Mit 16 Jahren war der Basler Goldschmied auf Wanderschaft gegangen. Russland, Straßburg, Tirol, England, Schottland, Spanien, Portugal, Ägypten, Kleinasien, Griechenland, Italien und Ungarn bereiste er in zweieinhalb Jahrzehnten. Außergewöhnliche Kenntnisse erwarb er sich dabei in Astronomie, Biologie, Chemie, Metallurgie, Medizin und Geographie. Er nutzte sie als Arzt – bald gesucht an den europäischen Fürstenhöfen – und Autor. Der Ruf der Druckerei Johann Eichorn in Frankfurt an der Oder lockte ihn nach Brandenburg.

 

Sein Buch „Pison", in dem er seine Untersuchungen "von kalten, warmen, minerischen und metallischen Wassern" niederschrieb, weckte das Interesse des Kurfürsten. Hieß es doch darin über die Spree: „Dis wasser Spree ist etwas grünferbig und lauter. Es fuehret in seinem Schlich Gold und ein schönes Glasur." Kurfürst Johann Georg, der mit seiner Frau Elisabeth (1563-1607) zur Huldigung nach Frankfurt gekommen war, las interessiert erste Seiten des unveröffentlichen Werkes. Die erkrankte Kurfürstin vertraute sich Thurneysser zur Behandlung an und wurde geheilt. Der Landesherr dankte ihm mit der Ernennung zum Leibarzt.

 

Der Weltreisende bezog Räume im verlassenen Franziskanerkloster und richtete eine Druckerei ein. Sein Vermögen erwarb er durch Harnproben-Ferndiagnosen und den Versand von Medikamenten, die bis an den Hof Elisabeths I. gelangten. Kosmetik und Lehrbücher, Kalender persönliche Prophezeiungen sicherten ihm einen luxuriösen Lebensstandard – und den Neid der Konkurrenz. Den Teufel in einem Glas – wie er es im Labor benutzte – bei sich zu führen, wurde er verdächtigt.

 

Mit erstaunlichem Aufwand widmete sich Thurneysser privaten Interessen. Er legte ein Herbarium und – als erster in Brandenburg – ein Naturalienkabinett an. Er beobachtete mit einem Fernrohr den Sternenhimmel, sammelte Kunst, Waffen und Bücher. Die Druckerei in der Klosterstraße mit ihrer modernen Ausstattung wurde weit über die Grenzen Brandenburgs berühmt. 1576 richtete Thurneysser eine eigene Schriftgießerei ein. Drucker, Setzer, Formschneider und entwerfende Künstler aus Frankfurt/Oder, Stettin, Küstrin, Leipzig, Basel, Prag und Nürnberg arbeiteten für Thurneysser. Denn in Berlin und Cölln waren solch spezialisierte Handwerker nicht zu bekommen. Der erste Apotheker der kurfürstlichen Residenzen, Michael Aschenbrenner, erlernte seinen Beruf bei Thurneysser.

 

Das Unternehmen gilt als das erste kapitalistische in Berlin. Sein wirtschaftlicher Erfolg brachte dem unbedeutenden Wirtschaftsstandort Berlin internationale Kontakte – und viel bares Geld. Die Druckerzeugnisse waren überwiegend die Werke des Wissenschaftlers Thurneysser. Seine Tätigkeiten beruhten – allen Ausflügen in die Spekulation zum Trotz – auf rein empirischer Erkenntnis. Der Kurfürst und die Residenzen hatten sich eben der modernen Zeit, der Renaissance, geöffnet. Deshalb fiel Thurneyssers vielseitige Arbeit auf fruchtbaren Boden. Die Scheidung von seiner dritten Frau Marina Herbrott kostete den Mann sein gesamtes Vermögen.
In dieser Situation vermochte der Gelehrte den Anfeindungen nicht mehr Stand zu halten und verließ – mit kurfürstlicher Erlaubnis – Berlin.

 

Gerhild H. M. Komander

 

Literatur

Gabriele Spitzer: … und die Spree führt Gold: Leonhard Thurneysser zum Thurn, Astrologe – Alchimist – Arzt und Drucker im Berlin des 16. Jahrhunderts (= Beiträge aus der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz. Bd. 3), Wiesbaden 1996

Diethelm Eikermann und Gabriele Kiaser: Die Pest in Berlin 1576. Eine wiederentdeckte Pestschrift von Leonhart Thurneisser zum Thurn (1531-1596), Rangsdorf 2011

 

Der Text erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt" 2006.
Die Literaturangaben werden ergänzt.

 

Zurück zum Seitenanfang

 

Berliner Geschichte   Leonhard Thurneysser   Berliner Druckerei   Michael Aschenbrenner   Berliner Apotheke

Berlin im Blick

Berliner Geschichte

1319 Die Doppelstadt Berlin-Cölln erwirbt Rosenfelde (Friedrichsfelde).
Cölln wird in allen geistlichen und kirchlichen Angelegenheiten der Propstei von Berlin unterstellt.
Erste urkundliche Erwähnung der Stadtmauer und von Heinersdorf
Der letzte Askanier, Markgraf Woldemar, stirbt ohne männlichen Erben. Markgräfin Agnes, seine Witwe, kommt mit dem Vormund Herzog Rudolf von Sachsen zur Huldigung nach Berlin-Cölln.

1369 Berlin erwirbt das landesherrliche Münzregal.

1619 12. November Kurfürst Johann Sigismund legt die Regierung nieder.
Georg Wilhelm wird Kurfürst.

1669 Paul Gerhardt verläßt Berlin.
Der Packhof auf dem Friedrichswerder wird erbaut.
Willem Frederik van Royen wird kurfürstlicher Hofmaler

1719 Die Volkszählung stellt 64 000 EinwohnerInnen in Berlin fest.
Johann Sigisbert Ebert erbaut eine Wasserleitung für das Schloß.
Martin Heinrich Böhme erbaut das Schloß Friedrichsfelde.

1769 Friedrich Nicolai gibt seine „Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam" heraus.
Die Pockenimpfung wird eingeführt.
Johann Christian Kleemeyer eröffnet eine Uhrmacherwerkstatt und baut Flötenuhren.

1919 5. Januar Januaraufstand

15. Januar Ermordung der Mitbegründer der KPD Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch Angehörige der Garde-Schützen-Kavallerie-Division

19. Januar Wahl zur Deutschen Nationalversammlung
Frauenwahlrecht: Erstmals dürfen sich die Frauen im Deutschen Reich an einer Wahl beteiligen.

28. Juni Unterzeichnung des Friedensvertrags durch Reichsaußenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) für das Deutsche Reich im Spiegelsaal des Versailler Schlosses

 

 

© 2012 Gerhild Komander - Stadtführungen Vorträge Kunstgespräche - Berlin & Potsdam